Fremdsprachen

Vokabeln und Syntax – für mehr Umsatz und Ertrag

Über neue Erkenntnisse beim Sprachentraining, über Qualität der Institute und Trainer, über den Sinn von Sprachreisen und über Sparringpartner sprach Christine Wirl mit erfahrenen Experten der Sprachtrainings-Branche.

Die Europäische Kommission verabschiedete 1995 im Weißbuch »Lehren und Lernen – Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft«, dass jeder Schüler in zwei Sprachen der Union ausgebildet sein solle. [Weißbuch – eine Sammlung mit Vorschlägen zum Vorgehen in einem bestimmten Bereich.] Auf dem Lissabonner Gipfel von 2000 wurde die Beherrschung von (Fremd)Sprachen als eine von fünf Schlüsselqualifikationen angesehen.

Laut einer wifi-Studie 2010 gebrauchen Fremdsprachen selten bis nie nur 37 % von 500 befragten Arbeitnehmern. 30 % nutzen Fremdsprachen zumindest hin und wieder und immerhin 32 % häufig bis sehr häufig. Noch deutlicher fallen die Ergebnisse bei der Frage nach einer persönlichen Einschätzung aus. So empfinden 50 % der Arbeitnehmer Fremdsprachenkenntnisse in ihrem Beruf als wichtig oder sehr wichtig. (Die Studie vom Gallup Institut Wien durchgeführt.)

Veränderung beim Sprachtraining

Vokabeln stucken und Standardprogramme sind out, persönliches Sprach-Coaching und Blended Learning sind in.

Dr. Christian Fuchs (cef) zeigt den Trend bei Sprachtrainings auf: »Sprachtrainings werden verstärkt auf Basis Crash Courses nachgefragt und es werden individuelle Einzel-Coaching-Programme nachgefragt, abgestimmt auf die persönlichen Bedürfnisse und Anforderungen. Standardprogramme sind in keinster Weise mehr attraktiv.«

Mag. Ursula Rettinger (Berlitz) zum modernen Lernen: »Es soll noch schneller gehen, der Fokus liegt noch mehr auf Skills, also sehr situationsbedingten Trainings: besser präsentieren, besser verhandeln, besser überzeugen, besser verkaufen in der Fremdsprache.«

Mag. Walter Grubanovitz (Geschäftsführer mind&more) spricht sich für Blended Learning aus: »Blended Learning in Form einer zeit– und ortsunabhängigen Onlineplattform (vle – Virtual Learning Environment).«

Flexibel, schnell erfassbar, rasch merkbar und sofort umsetzbar, das sind nur ein paar Anforderungen an das moderne Sprachtraining. Christian Fuchs: »Nebst den Klassikern wird Blended Learning gerne als Unterstützung herangezogen. Speziell wenn man beruflich viel unterwegs ist, schätzt man das flexible Präsenztraining verbunden mit der Online-Unterstützung.«

Kitty Löwenstein, BA (Hons) (Direktorin, spidi.language) erkennt eine Veränderung beim Image der Sprachtrainings: »Früher galt ein Sprachtraining stark als Nice-to-have-Entwicklungsmaßnahme, wenn gar nichts anderes im Mitarbeitergespräch vereinbart werden konnte. Heutzutage ist ein Sprachtraining der Erfolgsfaktor für Mitarbeiter und somit für das Unternehmen, wenn global agiert wird. D. h. nun sind Sprachtrainings ernst zu nehmende Trainings!«

»Die früher eingesetzten Hörverständnisübungen per CD werden immer öfter durch Videosequenzen auf DVD ersetzt«, beschreibt Mag. Gabriele Frömel (Geschäftsführerin, biz.talk language consulting) den neuen Trend.

»Wir beobachten, dass der Sprachlevel unserer Teilnehmer deutlich verbessert ist. Daraus resultiert weniger Nachfrage nach allgemeinen Businesskursen für verschiedene Levels. Die Anforderungen werden immer spezifischer und anspruchsvoller.«

Gabriele Frömel weiter: »Die Erfahrung hat gezeigt, dass der Erfolg bei Sprachtrainings in der Erwachsenenbildung nicht ausschließlich auf reiner Wissensvermittlung basiert, sondern auch auf dem nicht zu vernachlässigenden Spaß- und Motivationsfaktor. Es ist nach wie vor unvermeidlich, sich mit den Hard Facts einer Sprache, das sind Grammatik, Syntax und Wortschatz, auseinanderzusetzen, doch zur Festigung des Erlernten gibt es zielführende Methoden, wie zum Beispiel Elemente des spielerischen Lernens, die den Wortschatz erweitern sowie auch das Erlernen und Verwenden von umgangssprachlichen Phrasen bzw. Redewendungen fördern.«

Immer noch DER Renner: Englisch

Es ist doch kaum zu glauben, aber immer noch ist, und da sind sich alle Sprachtrainingsexperten einig, Englisch der Spitzenreiter bei nachgefragten Trainings. Fuchs: »Englisch ist als Lingua franca keine Fremdsprache sondern ein Must im internationalen Geschäft. Es ist jedoch von ganz großem Vorteil, auch die Sprache seiner Geschäftspartner zu sprechen. Nicht perfekt, sondern als Türöffner und als Hinweis, dass man die Beziehung ernst nimmt und auf Nachhaltigkeit setzt. Neben Englisch und Deutsch als Fremdsprache werden Spanisch, Italienisch und deutlich abgeschlagen Französisch nachgefragt. Bei den Ostsprachen gilt Russisch als Spitzenreiter gefolgt von Ungarisch, Polnisch, Tschechisch, Slowakisch und Rumänisch. Mandarin und nordeuropäische Sprachen nehmen in den letzten beiden Jahren deutlich zu.«

Grubanovitz: »Groß im Kommen sind osteuropäische Sprachen (z. B. aus den ex-jugoslawischen Ländern) sowie Türkisch und Chinesisch.«

Wer trägt die Kosten?

Von einem hoch bezahlten Mitarbeiter wird verlangt, dass er die für den Job erforderlichen Fremdsprachen beherrscht. Sonst ist er für den Job ungeeignet. Jedoch – die Welt wird kleiner, Unternehmen expandieren auf neue Märkte, andere als bis dato gesprochene Fremdsprachen sind plötzlich aktuell. Wer bezahlt den Crashkurs z. B. in Rumänisch? »Die Unternehmen sehen diese Investition nicht als Soft Fact sonder als Hard Fact«, sagt Christian Fuchs, »ohne Fremdsprachenkenntnisse kein internationaler Auftritt und daher auch kein Verkauf. Sprachen bringen mehr Umsatz, Ertrag und beste internationale Reputation. Der klare Wettbewerbserfolg führt nun einmal über die Sprachen«, ist Fuchs felsenfest überzeugt.

Walter Grubanovitz: »Eine zunehmende Tendenz ist, dass Firmen die Sprachtrainings ihrer Mitarbeiter zwar finanziell unterstützen, die Trainingszeiten aber in der Freizeit konsumiert werden müssen.«

Boom oder Krise?

»Von Krise keine Spur«, zeigt sich Christian Fuchs zufrieden. »Die Nachfrage ist heuer höher als jemals zuvor.«

Auch Kitty Löwenstein sagt zum Sparen: »Wir bemerken nichts davon. Es scheint, dass international agierende Firmen ganz genau wissen, wie wichtig gute Sprachkenntnisse für ihren Erfolg sind.«

Gabriele Frömel bemerkt stärkeres Controlling der Trainingserfolge: »Es wird zunehmend ein Nachweis über den Trainingserfolg der Teilnehmer verlangt, den wir mit unserem Bildungscontrolling erbringen können. Auf Wunsch sind auch Abschlusstests oder internationale Zertifikatsprüfungen wie der toeic-Test möglich.«

Qualitätsunterschiede

Worauf muss ein Sprachentrainee achten, wenn er sich in die Hände eines Instituts begibt? Christian Fuchs erklärt: »Nachgefragt werden sollte der Zugang zur Projektabwicklung, zur Planungsphase, verbunden mit persönlichen Einstufungs-Checks, zur Definierung der Seminarinhalte, und ob auch maßgeschneiderte Seminarkonzepte angeboten werden.«

Deutliche Unterschiede sind sowohl beim Trainereinsatz, den individuellen Trainingskonzepten, als auch in der persönlichen Betreuung bis hin zur Evaluierung und Sicherung des Erfolges zu erkennen.

Gabriele Frömel: »Trainer sollen neben der fachlichen Ausbildung über langjährige Trainingserfahrung und Wirtschaftskompetenz verfügen. Keine Studenten auf der Durchreise, deren Kompetenz sich darauf beschränkt, Nativespeaker zu sein. Teil des Bildungscontrollings sollen die Vereinbarung konkreter Trainingsziele mit jedem Teilnehmer sowie die Transfersicherung sein. Mein Wunsch für die Zukunft wäre, dass wieder mehr die Qualität und nicht nur der niedrigste Preis im Vordergrund steht. Es ist doch vor allem eine Frage des optimalen Kosten-Nutzen-Verhältnisses: Wie kann ein Unternehmen für die wertvolle eingesetzte Zeit den größtmöglichen, direkt am Arbeitsplatz umsetzbaren Erfolg für die Mitarbeiter lukrieren?«

»Nur Nativespeaker zu sein, ist zu wenig«, bekräftigt auch Kitty Löwenstein und rät zu Fragen: »Was sind die Kriterien beim Recruiting von Trainern? Welche Ausbildung zum Sprachtrainer wurden besucht, wie viele Erfahrungen hat er, wie hoch ist die soziale Kompetenz und die Weiterbildungsbereitschaft?«

Zum Thema Preisdumping meint Löwenstein: »Billige Angebote resultieren daraus, dass die Trainer schlecht bezahlt werden und nichts in ihre Entwicklung investiert wird. Die Folge ist, dass die Trainer nicht lange bleiben und die Kurse dadurch unter mangelnder Kontinuität leiden. Bei vielen Sprachschulen ist die Fluktuation der Trainer aus diesem einfachen Grund so hoch.«

»Qualitätsunterschiede erkennt man am besten, wenn man sich die Tools der Qualitätssicherung anschaut«, erklärt Ursula Rettinger: »Gibt es eine Lernfortschrittskontrolle während und am Ende des Trainings? Vor der Buchung muss man darauf achten, dass das Eingangsniveau korrekt eingestuft wird und das Lernziel genau definiert ist. Eine individuelle Studienberatung ist dafür unerlässlich, denn nur sie garantiert, dass der Lernende genau dort beginnt, wo seine Kenntnisse sind und in der vereinbarten Zeit genau jene Kenntnisse erwirbt, mit denen er nach dem Training agieren möchte/muss.«

Sparringpartner

Immer wieder wechseln Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft in neue internationale Positionen. Oft fühlen sie sich dann in ihrer Fachkompetenz beim Gebrauch der Fremdsprache nicht ganz fit. Da kann ein Sparringpartner sehr nützlich sein. Gabriele Frömel: »Als Einstieg werden die nötigen sprachlichen Werkzeuge vermittelt, sich fließend zu unterhalten und problemlos zwischen den Sprachen zu switchen. Danach fungieren Experten als sprachliche Sparringpartner für die großen Entscheidungen im Topmanagement. Hinterfragt werden deren Logik und Auswirkungen auf die Unternehmensgesamtebene, monetäre und nicht-monetäre Aspekte sowie deren Alternativen. Diese Coachings dienen der Vorbereitung von Pressekonferenzen, Bilanzbesprechungen, Performancebewertungen oder internationaler Konferenzen.«

Walter Grubanovitz: »Ein Coach oder Trainer kann als Sparringpartner Lösungen beim Executive-Training zur Verbesserung der sprachlichen Feinheiten in heiklen Situationen bieten; er ermöglicht Gesamtfeedback bei jedem Aspekt einer sprachlichen bzw. kommunikativen Performance.«

Sprachreisen

Nur im Land direkt und im Kontakt mit den Menschen kann man eine Fremdsprache schnell lernen, das ist eine Tatsache. Dazu bieten sich Sprachreisen an, bei denen man meist in eine Schule geht oder einen Kurs besucht und bei einer heimischen Familie wohnen kann. Sind Sprachreisen immer noch beliebt, obwohl doch kosten- und zeitaufwändig?

Ursula Rettinger: »Sprachreisen werden nach wie vor gerne gebucht, wenn jemand einfach aus dem beruflichen Umfeld ausbrechen und sich voll und ganz aufs Lernen konzentrieren und dabei noch ein bisschen Abwechslung und Urlaubsfeeling haben möchte.«

»Bei uns werden, wenn überhaupt, dann einwöchige Sprachreisen nach Großbritannien nachgefragt«, erklärt Gabriele Frömel. »Es geht dabei um Manager, die ihre Sprachkenntnisse in kurzer Zeit möglichst kompakt verbessern möchten und dabei etwas in die britischen Lebensweise eintauchen möchten. Wir arbeiten mit 2 Partnerinstituten zusammen, die Executive-Ausbildungen auf allen Levels und für Spezialgebiete anbieten. Möchte man Badeurlaub, Kultur und intensive Sprachausbildung verbinden, greifen wir auf einen Partner in Malta zu.«

Walter Grubanovitz hält Sprachreisen für eine sehr effiziente Methode: »Sprachreisen kombinieren ein hohes Maß an Lernintensität mit dem Spaß eines Urlaubs und sind auch für das Team-Building bei Mitarbeitern von großem Vorteil. Sprachenlernen mit Aufenthalt im jeweiligen Land ist die effizienteste Methode überhaupt.«

Christian Fuchs zeigt sich mit der Reisewilligkeit der Trainees zufrieden: »Vor allem die englischsprachigen Destinationen in Irland, England und Malta erfreuen sich starker Beliebtheit bei Sprachreisen. Unser neuestes Programm ›English & Golf‹ ist ein absoluter Renner.«

Zahlen, Daten, Fakten

Im Durchschnitt lernen europäische Kinder drei bis vier Stunden in der Woche Fremdsprachen. Englisch ist die häufigste Fremdsprache in der EU. 93 % aller Kinder lernen sie, meist zu Beginn der weiterführenden Schulen; noch höher ist diese Zahl in der Sekundarstufe II. Französisch wird ab der Sekundarstufe I an 33 % aller Kinder in der EU vermittelt, mit Ausnahme von Slowenien.

Trotz des hohen Unterrichtsangebots an den Schulen beherrschen generell weniger Erwachsene eine Fremdsprache als anzunehmen wäre. Das trifft besonders auf Einwohner von Großbritannien zu: Eine Umfrage im Jahr 2004 zeigte, dass nur einer von 10 britischen Arbeitern eine Fremdsprache konnte, und nur etwa 5 % aller Befragten konnten in einer beliebigen Fremdsprache bis 20 zählen. 80 % meinten allerdings, dass sie auch im Ausland arbeiten könnten, da schließlich jeder Englisch spräche.

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