HR-Interview 05/2011

gutmann

Tausche Audi Quattro gegen 2,5 Tonnen Anis

Über Arbeitsklima und Führungsstil sowie über Kriterien der Personalauswahl bei der Firma Sonnentor sprach Christoph Wirl mit dem Geschäftsführer Johannes Gutmann.

Was steht hinter dem Begriff Sonnentor?

Die Sonnentor Kräuterhandels GmbH wurde 1988 von mir im Waldviertel gegründet. Ausgangsidee war, bäuerliche Bio-Spezialitäten wie Tee- und Gewürzkräuter, zuckerfreie Fruchtaufstriche, Geschenkartikel und vieles mehr zu sammeln und überregional und international zu vermarkten. Heute haben wir 145 Mitarbeiter in Österreich, 70 in Tschechien und exportieren unsere Produkte in über 48 Länder weltweit. Derzeit gehören mehr als 150 österreichische Bauern zur Sonnentor Familie. Im letzten Geschäftsjahr 2010/2011 konnte ein Umsatz von rund 23,3 Mio. Euro erzielt werden. Wesentliche Merkmale der Geschäftsidee sind die weitgehende Veredelung der Produkte direkt am Bio-Bauernhof, Nachhaltigkeit und die Erhaltung der Identität des Produzenten, um möglichst viel Transparenz für den Kunden zu erreichen.

Was waren Ihre Vision und Ihr Ziel bei der Firmengründung?

Vor 23 Jahren war ich arbeitslos – so fing alles an. Klar war für mich damals schon, dass ich nicht aus meiner Heimatregion wegziehen mochte. Heute, nach 23 Jahren, wollen wir in der Region Arbeit schaffen und daher ziehen wir auch nicht weg. Ich hatte damals eine gute Idee und sehr niedrige Ziele. Mein Ziel war, dass ich von meiner Idee der Bio-Spezialitäten-Herstellung und deren Verkauf leben kann, ich wollte nie reich werden. Ich bin als Sohn von Bauern aufgewachsen und wollte daher die bäuerliche Tradition pflegen und mit Bauern fair zusammenarbeiten. Auf dem Bauernhof meiner Eltern habe ich immer wieder gehört, was denn alles nicht funktioniert im Leben. Als ich erwachsen wurde und mich von meinen Eltern abgenabelt hatte, habe ich gelernt, wie der freie Arbeitsmarkt funktioniert und ich habe dabei auch gesehen, wie selten es Wertschätzung, Anerkennung und Mut zu Neuem gibt. Das ist mit ein Grund, warum wir bei Sonnentor einen ganz anderen Ruf als Arbeitgeber genießen und eine ganz andere Stimmung erleben dürfen als es »normalerweise« üblich ist.

Wie erleben Sie sich als Führungskraft?

Unsere Führung ist so aufgebaut, dass viele Abteilungen zu 100 % eigenständig arbeiten. Unsere Mitarbeiter wissen, in welche Richtung es gehen soll, kennen ihre Ziele und dürfen auch selbst entscheiden, ohne langwierige Hierarchien durchlaufen zu müssen. Entscheidungen werden demnach in der eigenen Verantwortung der Mitarbeiter getroffen, daher sehr schnell und effizient. Unsere Mitarbeiter arbeiten selbst und ständig und sind demnach eigene Unternehmer im Unternehmen.

Ich bin nicht der Chef von allem, sondern einer von vielen. Wir leben miteinander und sehen uns als große Familie. Meine Devise war und ist, meine Mitarbeiter so zu behandeln, wie ich selbst auch behandelt werden möchte. Was dann passiert in einem Unternehmen, ist unglaublich. Da spüren sogar die Kunden unser gutes Klima in der Firma. Wir haben keine Art von Bonussystem oder Ähnliches, denn alles was wir verdienen, kommt wieder zurück in den Betrieb und somit allen Stakeholdern wie Bauern, Konsumenten oder Mitarbeitern zugute. Ich kenne jeden Mitarbeiter persönlich und wir sind alle untereinander per Du und haben ein tolles familiäres Verhältnis.

Was passiert, wenn Fehlentscheidungen getroffen werden?

Das ist gut so, dann hat der Mitarbeiter etwas Neues gelernt. Fehler dürfen passieren. Es gibt keinen »bösen Chef«, der herumläuft und die Mitarbeiter anschreit, wenn irgendetwas nicht optimal läuft. Wenn ein Fehler passiert, ist das dem Mitarbeiter schon selbst peinlich genug. Wenn derselbe Fehler allerdings drei Mal passiert, werden wir uns zusammensetzen und klären, woran das liegt. Dabei lernen die Mitarbeiter ja auch schon. Sie schätzen ihren Arbeitsplatz und arbeiten gerne. Entsprechend gering ist daher die Fehlerquote.

Wie rekrutieren Sie neue Mitarbeiter?

Wir schreiben kaum Stellen aus, weil wir wöchentlich bis zu 50 Blindbewerbungen bekommen. Das ist für einen kleinen Betrieb im Waldviertel unglaublich.

Spannenderweise sind das sehr häufig Führungskräfte aus der Region, die von unserem guten Arbeitsklima gehört haben und Teil der »Familie« Sonnentor werden wollen. Gott sei Dank wachsen wir derzeit um ca. 10 bis 20 % jährlich, demnach stellen wir auch laufend neue Mitarbeiter ein. Dabei legen wir am meisten Wert auf das Thema Mensch. Wir bewerten also ca. zu 80 % die menschlichen Fähigkeiten des potenziellen Mitarbeiters. Wenn die Wellenlänge zu uns passt, hat er gute Chancen. Kenntnisse werden »on the Job« vermittelt. Wenn er mit Begeisterung dabei ist und sich in unser Team integriert, dann passt er auch zu uns. Meine ersten Worte an neue Mitarbeiter sind immer: »Sie arbeiten nicht für mich als Chef, sondern für Ihren Arbeitsplatz. Das ist Ihre Möglichkeit, gemeinsam mit uns zu wachsen!« Ich wähle jeden Mitarbeiter nach der Selektion der HR-Abteilung persönlich aus, um ihn auch gleich kennenzulernen und zu spüren, ob er zum Unternehmen passt.

Was sind die Hauptgründe, warum Sie so viele Bewerbungen bekommen bzw. warum Ihre Mitarbeiter gerne für Sie arbeiten?

Wir fragen Bewerber, warum sie sich bei uns bewerben. Die Antworten sind ähnlich: Wir werden als Betrieb wahrgenommen, der intensiv in den Faktor Mensch investiert. Bei uns wächst die Freude nicht nur nach außen sondern auch nach innen. Viele Unternehmen haben irgendwelche Leitbilder in den Pausenräumen hängen und niemand verhält sich danach. Das ist bei uns ganz anders. Unsere Bewerber kommen mit dem Argument, sie hätten von unserem tollen Betriebsklima gehört. Das bedeutet, dass unsere Mitarbeiter nach außen sehr gut über unsere Firma reden. Und das ist natürlich ein Traum für einen Arbeitgeber. Wir predigen auch ständig: Wenn ihr gute Stimmung haben wollt, dann müsst ihr für gute Stimmung sorgen! Daran merken wir, dass unser Leitbild wirkt und gelebt wird.

Wir machen natürlich auch viel für die gute Stimmung. Beispielsweise gibt es ein tägliches Mittagessen für alle Mitarbeiter gratis, selbstverständlich Bio und aus der Region. Wir machen ebenfalls viel für die Gesundheit der Mitarbeiter. Wir stellen z. B. kostenlos Obst zur Verfügung. All diese Kleinigkeiten werden vor allem von neuen Kollegen sehr geschätzt, denn anfangs ist man noch einen anderen Umgang gewohnt. Wir haben auch schon Mitarbeiter am ersten Tag fragen hören, ob es immer so angenehm zugehe oder nur an diesem Tag.

Ein Betriebswirt würde jetzt vielleicht argumentieren, dass für Essen, Obst usw. nur unnötige Kosten anfallen und das nichts unmittelbar einbringt.

Doch, doch, doch!!! Das kann man dem Ergebnis eins zu eins zuordnen. Wenn ein Unternehmen nur auf Druck und Gewinn ausgerichtet ist, dann wird so argumentiert. Wir haben keinen Gewinndruck. Erstens gibt es wie gesagt keine Bonuszahlungen und zweitens wird der gesamte Gewinn ins Unternehmen reinvestiert. Selbst ich als Eigentümer nehme mir pro Monat nur ca. 2.500,– € aus dem Unternehmen heraus. Daher glaube ich, dass unser System funktioniert und jeder Euro für unsere Mitarbeiter gut ausgegeben ist. Natürlich kann ich nicht exakt messen, welcher Euro sich wie auswirkt, aber das ist mir auch egal. Das ist vielleicht wichtig für »verbildete« Manager, die irgendwelche komplizierten Kostenrechnungsüberlegungen anstellen. So denken wir aber nicht.

Wie funktioniert Weiterbildung für Ihre Mitarbeiter?

Unsere Leute müssen zuerst einmal den »Stallgeruch« wahrnehmen und sich ein wenig in das Bauerntum einleben. Sie sollen spüren und wissen, wie wir ticken. Egal ob Akademiker oder Nicht-Akademiker, jeder Mitarbeiter geht jede Station im Betrieb durch. Führungskräfte genauso wie Buchhalter oder Personalisten bekommen dabei in der jeweiligen Abteilung gleich eine Einschulung. Sie werden auch zu wichtigen Terminen mitgenommen, um unsere Partner kennenzulernen. Das heißt zu Gesprächen mit Kunden genauso wie zu Gesprächen mit Zulieferbetrieben oder natürlich auch auf Messen. Selbstverständlich investieren wir stark in die Fortbildung unserer Mitarbeiter. Es ist eine Philosophie von Sonnentor, dass jede Schulungsmaßnahme vom Betrieb gezahlt wird. Wenn der Mitarbeiter sich ein passendes Seminar aussucht, darf er gehen. Ohne große Diskussionen. Wir geben jährlich rund 100.000,– € für Weiterbildung der Mitarbeiter aus. Kein Mitarbeiter muss auf Schulung gehen, jeder darf.

Wie ist der ideale Sonnentor-Mitarbeiter?

  • Offen: Bei uns passiert täglich so viel, und jeder Mitarbeiter muss mitziehen können.
  • Tolerant: Natürlich auch im Sinne von Fehlertoleranz für eigene Fehler und für die Fehler anderer.
  • Entscheidungsfähig: Mitarbeiter, die bei uns »nur mitschwimmen« fallen sofort auf. Jeder muss in der Lage sein, Entscheidungen zu treffen und auch argumentieren zu können.
  • Bodenständig und werteorientiert.

Was sind Ihre Werte, und wie können die im Unternehmen gelebt werden?

Zusammengefasst geht es um die Gemeinschaft, die Natur, die Umwelt, die Familie, und Wertschätzung. Leben und Leben lassen. Gemäß dem Motto: Was du säst, das wirst du ernten. Das habe ich von meinen bäuerlichen Wurzeln gelernt. Oftmals braucht es kein Studium, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Schauen wir uns z. B. die EHEC-Diskussion an. Die LGV muss jetzt schon ihre Gurken herschenken, weil der Handel sich nicht traut, diese zu verkaufen, obwohl der Bedarf vorhanden ist. Wir versuchen, unseren Mitarbeitern und Kunden wieder zu erklären, dass Lebensmittel vom Land kommen und natürlich sind. Das Leben ist und bleibt immer lebensgefährlich. Nur weil ein paar Medien über falsche Tatsachen berichtet haben, kaufen weniger Menschen Gurken. Wenn jemand vor allem Angst hat, soll er zu Hause im Bett bleiben und dort gleich sterben. Das Leben kann so schön und lebenswert sein, wenn man nicht aus allem ein Problem macht. Nur wer sich begrenzt, der agiert begrenzt. Deswegen exportieren wir auch in so viele Länder. Obwohl mir das früher viele »Wohlmeinende« ausreden wollten.

Wie sehen Ihre Zukunftsperspektiven aus?

Ich schaue nie in den Rückspiegel. Wer nur in den Rückspiegel schaut, fährt gegen den nächsten Baum. Ich möchte aber auch nicht mit 180 aus der nächsten Kurve fliegen. Ich möchte die bestehende Dynamik in die Zukunft bringen. Und da sind auch wieder meine Mitarbeiter gefragt. Ich bin davon überzeugt, dass es gut gehen wird.

Wenn Sie heute nochmals neu anfangen würden, was würden Sie anders machen?

Gar nichts! Ich habe aus jeder Erfahrung gelernt. Ich bin auch immer aufgefallen, weil ich etwas anders bin als andere. Das hat auch in den letzten Jahren für viel PR gesorgt. Ich habe nie eine Entscheidung im Nachhinein bereut. Auch nie bei der Personalauswahl. Es kommen immer zur richtigen Zeit die richtigen Leute. Ich habe im Lauf der Jahre ein gewisses Urvertrauen diesbezüglich entwickelt. Es fallen auch immer die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit. Dieses Urvertrauen macht es einfach. Ich konnte von Anfang an gut leben und bin auch bescheiden geblieben. Ich brauche keinen Mercedes und habe mich nie von irgendwelchen Luxussachen verführen lassen.

Wirklich nie?

Doch! (lacht) Einmal habe ich mir einen Audi Quattro gekauft. Bei einer Autofahrt von Frankfurt nach Wien habe ich allerdings erkannt, dass ich das nicht brauche. Ich bin aufs Gas gestiegen und habe gleichzeitig an der Tankanzeige gesehen, wie viel Benzin verbraucht wird. Natürlich habe ich auch verstanden, was da alles an Abgasen aus meinem Auspuff in die Natur geblasen wird. Ich habe schnell kapiert, dass das weder gesund für mich und die Familie ist noch für die Umwelt. Ich habe dann das Auto gegen 2,5 Tonnen Anis getauscht und der Bauer und ich haben uns beide sehr über diesen Deal gefreut. Dieser Tausch war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Würde das Wirtschaftsleben in Österreich besser funktionieren, wenn Staat und Unternehmen nach der »Sonnentor-Philosophie« handeln würde?

Davon bin ich zu 100 % überzeugt. Unsere Philosophie ist in jeder Branche anwendbar. Allzu kompliziert ist es nicht. Wertschätzung und Respekt führt überall zu Motivation und Freude an der Arbeit. Manchmal kann es so einfach sein!

Besten Dank für das Gespräch.


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Zur Person Johannes Gutmann
Werdegang Geboren 1965 in Zwettl als jüngster Sohn von fünf Kindern einer Bauernfamilie
Matura HAK Zwettl>br> 2 Wochen Studium an der WU
Berufliche Tätigkeiten Erste Berufserfahrung bei der Brauerei Zwettl und dem Waldviertel Management.
Sein Weg brachte ihn vom Bierverkäufer und Reiseleiter hin zum Koordinator für landwirtschaftliche Sonderkulturen und zum Grundsteinleger der Marke »Waldland«.
Sein Arbeitsvertrag lief aus und er gründete kurz entschlossen am 1. August 1988 SONNENTOR.