Kapazunder und Persönlichkeit

Warum manche Kollegen zu Legenden werden und andere nur zur Randnotiz – und weshalb Du trotzdem skeptisch bleiben solltest.

Wenn neue Mitarbeiter anheuern, durchlaufen sie einen hoffentlich spannenden Onboarding-Prozess. Ihnen wird alles Relevante erklärt, gezeigt und womöglich auch hergeleitet. Wenn neue Mitarbeiter anheuern, dann wird ihnen auch relativ bald die inoffizielle Hierarchie klargemacht. Wer ist schon wie lange im Unternehmen, wer hat welche Meriten, an wen kann man sich mit Problemen wenden und an wen besser nicht? Wer ist, pardon, ein Oarsch, und wem kann man blind vertrauen? Flurfunk, Bassena-Tratsch, you name it.

Bei der Gelegenheit wird Unternehmenspolitik gemacht, bei der Gelegenheit werden Unternehmenswerte womöglich korrumpiert, oder aber auch bekräftigt (Glück gehabt!). Auf jeden Fall bekommen alle Mitarbeiter, alle Vorgesetzte in deren Darstellung einen persönlichen Spin, eine Nachrede. Da ist dann von Kapazundern die Rede, von internen Stars, Lieblingen der Geschäftsleitung oder der Eigentümer. Das passiert auch auf Abteilungsebene: Welche andere Abteilung ist der Feind, mit wem kann man ganz gut Projekte umsetzen? Mit diesem Wissen aufgeladen, dürfen die neuen Mitarbeiter dann ihrem Tagwerk nachgehen – voller Bias gegenüber ihren Mitmenschen am Arbeitsplatz.

Das gibt es auch in meiner Branche, unter den Speakern und Trainern. Kaum trittst Du einem Verband bei, erfährst Du auch schon, wer die wirklich Großen sind. Wer die Kapazunder sind. Vor wem Ehrfurcht angebracht ist. Wer ist ein Star, wer ist der Superstar? Von allen anderen kennen die Informanten in der Regel nicht einmal die Namen. Entsprechend aufgeladen begegnet man dann auch diesen Kapazundern und fragt sich beim ersten Hallo, ob es bei denen am Klo ähnlich riecht, wie bei einem selbst (höflich formuliert). Verbandskollegen haben mir erzählt, dass sie vor Aufregung zitterten, weil sie erstmals neben dem Kapazunder gestanden seien – oder gar am selben Tisch gesessen hätten. Oh dear! Bei denen riecht’s am Klo nicht anders, versprochen! Respekt vor einer Leistung, den kann man haben. Respekt vor der Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen – ebenso angebracht. Heldensagen zu Umsatzhöhen – interessieren mich nicht. Geschichten zur Villa, dem Schlitten und dem Segelboot – freut mich, wenn sie Freude daran haben. Ehrfurcht, Nervosität, Zittern – what the heck?!

Verhaltensbiologisch geht es um Impression-Management. Klatsch und Tratsch können als Werkzeuge des Impression-Managements dienen – entweder um das eigene Ansehen zu stärken (z. B. durch positive Selbstdarstellung im Gespräch) oder um indirekt die Wahrnehmung anderer zu beeinflussen (positiv oder negativ). Wir Menschen sind evolutionär zwingend soziale Lebewesen. Und wenn wir wollen, dass uns jemand scheinbar selbstlos hilft, brauchen wir die entsprechende Nachrede. Ohne die Nachrede, selbst altruistisch zu sein, wird man nie in den Genuss der Gruppenbenefits kommen. Aber wehe, jemand diffamiert einen. Dann scheppert es in der Regel gewaltig. Und ebenso wesentlich: Du brauchst glaubwürdige Informanten. Wenn die nämlich ihr eigenes Spiel spielen, dann wird es richtig zäh. In diesem Spiel liegt übrigens die Wiege unserer Intelligenz und der Sprache an sich. Mehr dazu in Robin Dunbars »Grooming, Gossip and the Evolution of Language«, 1996 bei der Harvard University Press erschienen.

Zurück zu den Kapazundern: Leider entpuppen sich viele Kapazunder, sagen wir es höflich, auch als allzu menschlich. Ein bisserl falsch, ein bisserl zu dick aufgetragen, deutlich zu eitel und grundlos selbstbewusst. Mythen werden rasch zerstört. Unternehmerischer Erfolg bedeutet leider nicht, dass dieser erfolgreiche Mensch auch ein besonders angenehmer, einfach ein guter Mensch ist. Wenn ja, gratuliere – und lerne von diesen!

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Fauma

Gastautor
Gregor Fauma
ist ­Verhaltensbiologe, Trainer und ­Keynote-Speaker. Er wurde 2018 zum Trainer des Jahres und 2022 zum Redner des Jahres ausgezeichnet.
www.gregorfauma.com