… und sich Personalisten und Seminarteilnehmer davon blenden lassen, dann ist es Zeit für einen wohl gemeinten Weckruf.
von Markus Rimser
Wenn eine 9-tägige Trainerausbildung über 9.000,– € kostet, ein dreitägiges Seminarangebot (vor Massenpublikum) um 2.500,– € angeboten wird, wenn Standardseminare in Firmen für Tagessätze um über 2.000,– € verkauft werden und wenn Speaker für 45 Minuten Vortrag 6.000,– € verlangen, tja dann sollten wir uns schon einmal die Frage stellen, wer und vor allem was diese horrenden Preise rechtfertigt.
Gar nichts und niemand rechtfertigt Selbst- bzw. Fremdüberschätzung und überteuerte Preise. Weder ein Argument von Angebot und Nachfrage, noch eines von schneller Amortisation der Kurskosten, kein Argument über Vor- und Nachbereitungszeiten, die in den Tagessatz einkalkuliert werden müssen und schon gar kein Argument, dass Qualität eben ihren Preis hat. Die Preisgestaltung im Seminargeschäft ist gleichsam unzureichend und zwielichtig wie seine gewerberechtliche Grundlage auch, nämlich unreglementiert und ungebunden.
Bildung – und damit meine ich vor allem die berufliche Fortbildung – ist schon lange kein Grundrecht mehr. Bildung ist zum Leidwesen vieler Konsumenten Pflicht und Ware geworden, auf deren Rücken sich selbst ernannte Qualitäts- und Zertifizierungsbehörden und scheinbar im Trend stehende Ego-Shooter gesund sanieren. Mit einer nachhaltigen Förderung von Talenten, einer sinnvoll geplanten individuellen und organisationalen Kompetenzerweiterung und der so unabdingbar dringlichen Entwicklung sozialer Kompetenzen für ein besseres Miteinander hat das schon lange nichts mehr zu tun – die finanziellen Gebaren der Weiterbildung haben die psychosozial-gesellschaftliche Bedeutung von Lernprozessen schon längst überholt.
Zur Verdeutlichung ein aktuelles Beispiel: Google, Apple und SAP leben es vor – der von den Zukunftsforschern prognostizierte Achtsamkeitstrend hat die HR-Abteilungen internationaler Topunternehmen erreicht – das Unternehmen der Zukunft ist achtsam (… wir werden sehen). Klar, dass die Trainer- und Beraterszene diesen Trend für sich erkannt hat und umtriebig mitgestalten will – die ersten Ausbildungen zum Achtsamkeitslehrer sind konzipiert, besonders Schlaue haben bereits Markenschutz- und Patenteinreichungen beantragt und die Ausbildungspreise sind – wie selbstverständlich – ab 4.500,– € aufwärts festgelegt – der übliche Marktwert eben. So weit so gut. Wenn man nun weiß, dass jeder einzelne Inhalt dieser Ausbildungen aus den Dharmalehren des historischen Buddha entnommen ist, jede teilnehmerspezifische Übungsmethode den Geistschulungsanleitungen traditioneller buddhistischer Klöster entstammt und es seit mehr als 2 500 Jahren gelebte Praxis und Pflicht ist, die Dharmalehre (vereinfacht: Achtsamkeitspraxis) jedem Menschen kostenlos zur Verfügung zu stellen, dann halte ich es für sehr, sehr dreist, alten Wein nicht nur in neuen, sondern gleich in vergoldeten Fässern zu verkaufen.
Gesellschaftliche Verantwortung
Gut, Siddhartha Gautama würde auch das sicherlich in Gleichmut betrachten und schließlich stünde es jedem Interessierten ja frei, die Achtsamkeitspraxis gegen eine freiwillige Spende in einem asiatischen Kloster oder einem der zahlreichen Meditationszentren zu erlernen. Aber so einfach will ich Trainer und Bildungsanbieter nicht aus ihrer gesellschaftlichen Verantwortung entlassen. Bildung dient in erster Linie dem Individuum, der Allgemeinheit – und nicht der Brieftasche selbst ernannter Über-Trainer. Es ist kein Geheimnis, dass viele Trainer-Ausbildungen am Markt ihre Attraktivität und ihre Kosten mit einer sofortigen finanziellen Amortisation rechtfertigen und hervorragende Gewinnaussichten versprechen, kein Wunder, wenn der Trainingsmarkt dann mit Trainern überschwemmt ist, deren Berufswahl hauptsächlich pekuniär bestimmt ist. Das bringt mich zu den Trainertagessätzen.
Seit es die Betriebspädagogik als wissenschaftlichen Fachbereich gibt (Ende der 1930er-Jahre), sind Workshops, Trainings und Seminare Maßnahmen der Personalentwicklung, sie folgen also einem an die Organisationsbedürfnisse angepassten Personalentwicklungskonzept. Personalentwicklungskonzepte werden von Personalentwicklern gestaltet und in Umsetzung gebracht, dafür bedient sich die Personalentwicklung auch externer Trainer und Berater. Ein Personalentwickler (der die Personalentwicklungsstrategie vorgibt und dafür Verantwortung trägt) mit 10 Jahren Berufserfahrung verdient im Jahresbruttoschnitt an die 48.000,– € für ca. 250 Arbeitstage, das macht einen Bruttotagessatz von 192,– €. Wie rechtfertigt sich da ein 10-facher Tagessatz eines ausführenden und meist ergebnis-verantwortungslosen Trainers? Mit dem Argument, dass Trainer maximal 100 Tage im Jahr stressfrei trainieren können? Mit dem Argument einer beraterischen Wissenshoheit und Spezialwissen? Mit dem Argument von mehr direkter oder indirekter Effizienz der Verhaltensänderungen bei den Mitarbeitern und einem daraus verlässlich folgenden Return on Investment?
Meiner Meinung nach (und übrigens auch der Wirksamkeitsforschung von Trainings folgend) gibt es keine Rechtfertigung für Trainerhonorare über 1.800,– € pro Tag, und zwar aus mehreren Gründen: (1) weil gerade Österreich die höchste Trainerdichte in Europa und damit ein großes und vor allem methodisch vielfältiges Trainerangebot zur Verfügung hat, (2) weil für wirklich jedes Thema, jede Zielgruppe und jede personalentwicklerische Herausforderung bereits ab 800,– € netto didaktisch exzellente Trainer einzukaufen sind, (3) weil es österreichischen Trainern grundlegend an betriebsdidaktischer Ausbildung fehlt (die meisten Ausbildungen vermitteln andragogische jedoch keine betriebspädagogischen Methoden, d. h. dass die personalentwicklerische und damit Umsetzungskompetenz ohnehin in den PE-Abteilungen liegt, (4) weil wir in den meisten Lernprozessen einen zunehmenden Wechsel vom Wissensvermittler hin zum Lernbegleiter erleben, also von einer wissensbetont aktiven zu einer moderativ passiven Trainertätigkeit, was Vor- und Nachbereitungszeiten der Trainer erheblich minimiert, (5) weil durch den Fortschritt der digital mobilen und skalierbaren Lernmöglichkeiten die Trainertätigkeiten deutlich entlastet und teilweise sogar ersetzt werden können, und last not least (6) weil es trotz Totschweigens und Schönredens noch immer an einem mangelt: am verlässlich nachhaltigen Lerntransfer.
Dass wir uns richtig verstehen: Ich bin absolut dafür, dass die Leistung von Trainern fair und vor allem auch unter Berücksichtigung des unternehmerischen Risikos der Trainerselbstständigkeit entgolten wird. Ich bin sogar dafür, die Konzeptionsleistungen von Trainern selbst bei Nichtzustandekommen eines Auftrags zu vergüten, eben weil ich weiß, dass konzeptionelle Kompetenz die wesentliche Voraussetzung für einen nachhaltigen Lernprozess darstellt. Und auch deshalb, weil es mittlerweilen bei Personalisten en vogue geworden ist, sich unentgeltlich und unverbindlich der kreativen Konzeptionskompetenz vieler Trainer durch vorgegaukeltes Interesse zu bedienen.
Aber ich bin entschieden gegen eine willkürliche Preisgestaltung von Seminaren und Trainertagessätzen, die aus einem unstillbaren Maximierungsgedanken, Geltungsdrang und Selbsterhöhung einer Berufsgruppe resultiert. Standardseminare wie typische Softskill-Themen oder z. B. Lehrlingsseminare sind meines Erachtens mit 900,– bis 1.100,– € netto bestens dotiert, individuell angefertigte Trainingsmaßnahmen mit bis zu 1.400,– € bestens bezahlt, Moderationstätigkeiten in Klausuren mit bis zu 1.200,– € aufwandsgerecht entgolten, für den offenen Seminarmarkt halte ich Seminarkosten von 120,– bis 150,– €/Seminartag für fair und aus Kundensicht leistbar.
Letztlich bestimmt bei betrieblichen Trainingsmaßnahmen der Auftraggeber über die Angemessenheit von Trainertagessätzen und die Tendenz zu shared services führt zumindest in Großunternehmen über kurz oder lang ohnehin dazu, dass Trainingsmaßnahmen nicht wie bisher von PE-Abteilungen, sondern von Einkaufsabteilungen zugekauft und damit auch real bewertet werden. Hier sind bereits deutliche Tagessatzkorrekturen nach unten zu beobachten. Was den offenen Seminarmarkt betrifft, hoffe ich, dass sich private und öffentliche Bildungsanbieter wieder zunehmend auf die »alten Werte« besinnen: Bildung soll für jeden zugänglich sein und der Trainerberuf keine Cashcow, sondern eine Berufung mit einer ethischen und gesellschaftlichen Verantwortung sein.




