Lernen und lehren neu lernen

Die eigentliche Revolution durch Künstliche Intelligenz in der Weiterbildung steht erst bevor – denn künftig geht es nicht mehr nur darum, Zeit zu sparen, sondern darum, Lernprozesse grundlegend zu verändern und neu zu denken.

Der Status quo: KI ist bereits angekommen

Was vor zwei Jahren noch als technische Spielerei belächelt wurde, ist heute fester Bestandteil der täglichen Arbeit von Trainern. Während jedoch die Nutzung von KI rasant zunimmt, zeigen aktuelle Studien eine bemerkenswerte Diskrepanz: Fast alle setzen KI ein, aber die wenigsten fühlen sich wirklich kompetent im Umgang damit. Für Personalentwickler stellt sich damit die dringende Frage, wie sie interne und externe Trainer auf diese Transformation vorbereiten können und welche Kompetenzen in einer KI-gestützten Lernwelt wirklich zählen.

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Eine internationale Studie des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung zeigt, dass bereits fast 90 % der Befragten aus dem deutschsprachigen Raum Künstliche Intelligenz in ihrer derzeitigen Arbeit nutzen. Von diesen 394 Personen gaben 91,9 % an, generative Künstliche Intelligenz zu verwenden, also KI-Tools, mit denen sich neue Inhalte erstellen lassen. Die Studie, die bereits Ende 2024 abgeschlossen wurde und Teil eines internationalen Forschungsverbundes mit insgesamt 1 950 Teilnehmer aus 18 Ländern war, zeichnet das Bild einer Branche im Wandel (Strauch & Lattke, 2025: »Künstliche Intelligenz in der Erwachsenen- und Weiterbildung«, in: weiter bilden. DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung 32 (1), S. 19 – 22).

Sabine Prohaska (Geschäftsführung seminar consult prohaska) bestätigt diese Entwicklung aus ihrer täglichen Praxis. »In der Erwachsenenbildung sind KI-Tools längst tägliche Arbeitsbegleiter«, erklärt sie. »Zum Beispiel beim Schreiben von Handouts, beim Zusammenfassen von Flipcharts, als Denk-Buddy in der Konzeptarbeit, für Grafiken, Folien, Videos, Podcasts oder Recherche.« Die Anwendungsbereiche sind vielfältig und reichen über reine Textproduktion hinaus. Auch in Trainingsformaten selbst wird KI bereits eingesetzt, etwa zum Üben von Beschwerdemanagement oder Mitarbeitergesprächen.

Doch bei aller Verbreitung gibt Sabine Prohaska zu bedenken: »Wir nutzen KI im Moment vor allem als Effizienzwerkzeug. Das ist sinnvoll, aber es greift zu kurz.« Diese Einschätzung trifft einen neuralgischen Punkt. Die meisten Trainer verwenden KI derzeit primär, um Zeit zu sparen und Routineaufgaben zu automatisieren. ChatGPT schreibt die Einleitung für ein Handout, erstellt Übungsaufgaben oder fasst Diskussionsergebnisse zusammen. Diese Nutzung ist nachvollziehbar und durchaus wertvoll, aber sie schöpft das transformative Potenzial der Technologie bei Weitem nicht aus.

Von der Effizienz zur Personalisierung

Die eigentliche Revolution steht noch bevor. »In den nächsten drei bis fünf Jahren wird sich genau das ändern«, prognostiziert Sabine Prohaska. »Der Fokus wird sich verschieben von ›KI spart Zeit‹ hin zu ›KI verändert Lernprozesse‹.« Diese Verschiebung hat weitreichende Folgen für die gesamte Erwachsenenbildung. Personalisierte Lernpfade, adaptive Übungsformate und sehr gezieltes Feedback werden deutlich stärker in den Vordergrund rücken. Damit wird KI alte Strukturen im Lernen aufbrechen.

Die Studienergebnisse von Strauch und Lattke bestätigen diese Entwicklung. Auf der Mikro-Ebene, also der direkten Interaktion zwischen Lernenden und Lehrenden, zeigt KI ihr Potenzial vor allem durch die Personalisierung des Lernprozesses. Lernende können auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Inhalte und Lernpfade erhalten, die durch KI analysiert und angepasst werden. Auch für Lehrende können KI-gestützte Lernmanagementsysteme eine erhebliche Erleichterung darstellen, da sie beispielsweise den Lernfortschritt überwachen und automatisiert Rückmeldungen geben können.

Dabei geht es nicht nur um theoretische Möglichkeiten. Sabine Prohaska schildert ein konkretes Beispiel aus ihrem persönlichen Umfeld, das die Tragweite dieser Entwicklung verdeutlicht: »Ein sehr konkretes Beispiel erlebe ich zu Hause. Ich übe mit meiner 14-jährigen Tochter für AHS-Schularbeiten. Wir lassen uns von KI Probeschularbeiten erstellen, nutzen sie für Korrekturen und für Erklärungen auf unterschiedlichen Wegen, zum Beispiel mit Metaphern, einfachen Bildern oder anderen Zugängen. Das funktioniert erstaunlich gut. Nicht, weil die KI ›lernt‹, sondern weil sie beim Verstehen und Üben hilft.«

Diese individualisierte Unterstützung markiert einen Paradigmenwechsel. Während traditionelle Bildungsangebote oft einen Mittelweg zwischen verschiedenen Lerntypen und Wissensniveaus finden mussten, ermöglicht KI eine Differenzierung, die bisher praktisch unbezahlbar war. Der IU Lernreport 2024, eine repräsentative Studie der IU Internationalen Hochschule mit 2 512 Befragten zwischen 16 und 65 Jahren, untermauert diese positive Wirkung. Von denjenigen, die bereits KI-Erfahrung beim Lernen gesammelt haben, berichten 57,9 %, dass sich ihre Lern- oder Prüfungsergebnisse durch den Einsatz von KI-Technologien wie ChatGPT deutlich oder etwas verbessert haben.

»Ein weiterer klarer Qualitätsgewinn ist, dass wir mit KI denselben Lernstoff ohne großen Aufwand in unterschiedlichen Formaten wie zum Beispiel als Video, Podcast oder Grafik anbieten können«, ergänzt Sabine Prohaska. »So können Menschen in der Form lernen, die für sie am besten passt. Theoretisch ist das natürlich auch ohne KI möglich, praktisch aber unbezahlbar.« Diese multimodale Aufbereitung von Lerninhalten war bisher das Privileg großer Bildungsanbieter mit entsprechenden Ressourcen. KI demokratisiert diesen Zugang und ermöglicht es auch kleineren Anbietern und einzelnen Trainern, ihre Inhalte in verschiedenen Formaten anzubieten.

Die Kehrseite: Wenn Denken ausgelagert wird

Doch bei aller Euphorie über die Möglichkeiten darf die kritische Reflexion nicht zu kurz kommen. Sabine Prohaska warnt eindringlich: »Wenn wir das Denken an die KI auslagern, verkümmern Fähigkeiten. Unser Gehirn folgt dem Prinzip ›use it or lose it‹.« Diese neurobiologische Tatsache gilt unabhängig von technologischen Entwicklungen. Wer regelmäßig seine kognitiven Fähigkeiten trainiert, erhält und stärkt sie. Wer hingegen komplexe Denkprozesse an Maschinen delegiert, riskiert den Abbau dieser Kompetenzen.

In der Erwachsenenbildung zeigen sich ähnliche Effekte. »KI verbessert die Lernqualität dort, wo sie gezielt eingesetzt wird«, betont Sabine Prohaska. »Zum Beispiel beim Entwickeln guter Reflexionsfragen oder beim Strukturieren von Trainingskonzepten im Vorfeld.« Der entscheidende Begriff ist hier »gezielt«. Es geht nicht darum, jede denkbare Aufgabe an KI zu delegieren, sondern bewusst zu entscheiden, wo ihr Einsatz das Lernen unterstützt und wo menschliches Denken unersetzlich bleibt.

»Problematisch wird es dort, wo Konzepte ungeprüft übernommen oder Reflexion ausgelagert wird«, warnt Sabine Prohaska. Diese Gefahr ist real und betrifft nicht nur Lernende, sondern in besonderem Maße auch Trainer selbst. Wer KI-generierte Trainingskonzepte eins zu eins übernimmt, ohne sie kritisch zu prüfen und an die spezifische Zielgruppe anzupassen, verfehlt seine pädagogische Verantwortung. Die Versuchung ist groß, denn KI-Tools liefern auf Knopfdruck beeindruckend wirkende Texte und Konzepte. Doch diese sind oft generisch, berücksichtigen keine spezifischen Kontexte und können fachlich falsch oder unvollständig sein.

Was Trainer heute können müssen

Die zentrale Frage für Personalentwickler lautet daher: Welche Kompetenzen benötigen Trainer, um in einer KI-gestützten Bildungswelt professionell zu agieren? Die »DIE-Studie« zeigt eine bemerkenswerte Diskrepanz. Während sich knapp die Hälfte der Befragten im Umgang mit KI »voll und ganz« sicher fühlt und weitere 38,6 Prozent »eher« zustimmen, sieht gleichzeitig die Mehrheit von 70,2 % bei sich einen Fortbildungsbedarf. Besonders aufschlussreich ist die Dringlichkeit dieses Bedarfs: 145 der 309 Personen, die Fortbildungsbedarf angaben, sehen diesen innerhalb der nächsten ein bis drei Monate als notwendig an. Weitere 103 Personen verorten ihren Bedarf in den kommenden vier bis sechs Monaten.

Diese Zahlen offenbaren ein grundlegendes Spannungsfeld. Die meisten Lehrenden nutzen KI bereits intensiv und fühlen sich dabei auch relativ sicher. Gleichzeitig ist ihnen bewusst, dass ihre Kompetenzen noch nicht ausreichen, um das volle Potenzial der Technologie auszuschöpfen oder ihre Risiken angemessen zu handhaben. Für Sabine Prohaska kristallisieren sich drei zentrale Kompetenzbereiche heraus, die Trainer unabhängig vom Fachgebiet zwingend besitzen sollten.

An erster Stelle steht die Urteilskompetenz. »Trainer müssen KI-Ergebnisse kritisch einschätzen, einordnen und hinterfragen können«, betont Sabine Prohaska. »KI klingt oft überzeugend, ist aber nicht automatisch richtig. Wer das nicht erkennt, gibt Autorität an ein Tool ab.«

Der zweite zentrale Bereich ist die didaktische Kompetenz. »Es geht darum zu erkennen, wo der Einsatz von KI sinnvoll ist«, erklärt Sabine Prohaska. »Gute Trainer wissen, wann KI unterstützt und wann bewusst nicht. Lernen braucht nicht immer Effizienz, manchmal braucht es Reibung oder Zeit.«

Als dritten Bereich nennt Sabine Prohaska die Reflexionskompetenz. »Trainer sollten verstehen, wie KI das eigene Denken, Entscheiden und Lernen beeinflusst. Wenn wir Denkprozesse auslagern, verändert das unsere Fähigkeiten – nicht immer zum Besseren.«

»KI-Kompetenz heißt nicht, jedes neue Tool zu kennen«, fasst Sabine Prohaska zusammen. »KI-Kompetenz heißt, bewusst entscheiden zu können, wann man ein Tool nutzt und wann nicht.« Es geht weniger darum, die neuesten Features von ChatGPT zu beherrschen oder zwischen verschiedenen KI-Tools wählen zu können, sondern vielmehr darum, die grundlegende Frage zu beantworten: Dient der KI-Einsatz in dieser konkreten Situation dem Lernziel oder nicht?

Integration in die Trainerausbildung: 3 Ebenen des KI-Einsatzes

Die Konsequenzen dieser Kompetenzanforderungen für die Trainerausbildung sind unmittelbar und erheblich. Sabine Prohaska und ihr Team haben KI mittlerweile auf allen drei Ebenen in ihre Train-the-Trainer-Ausbildung integriert: als Thema, als Tool und als didaktische Methode. Diese dreigleisige Herangehensweise ermöglicht eine umfassende Auseinandersetzung mit der Technologie und ihren Implikationen.

Als Thema ist KI fixer Bestandteil der Ausbildung geworden. »Wir sprechen über Funktionsweisen, Grenzen, Halluzinationen, Ethik und Datenschutz«, erläutert Sabine Prohaska, »aber vor allem darüber, wie KI Lernen, Denken und das Rollenverständnis von Trainern verändert.« Diese thematische Integration geht über technische Schulung hinaus und adressiert die grundlegenden Fragen nach der Zukunft des Lehrberufs. Wenn KI zunehmend Aufgaben übernimmt, die bisher zu den Kernkompetenzen von Trainern gehörten, wie verändert sich dann deren Rolle? Wo liegt der spezifisch menschliche Mehrwert in Lehr-Lern-Situationen?

Als Tool zeigen Prohaska und ihr Team ganz konkret, wie sie unterschiedliche KI-Tools in ihrer eigenen Arbeit einsetzen. »Die Teilnehmer erleben, wofür wir KI nutzen, zum Beispiel für das Erstellen von Reflexionsfragen oder die Aufbereitung von PowerPoint-Folien, und reflektieren gleichzeitig, wo der Einsatz sinnvoll ist und wo bewusst nicht.« Dieser Ansatz ist besonders wirksam, denn er verbindet praktische Demonstration mit kritischer Reflexion. Die angehenden Trainer sehen nicht nur, dass KI funktioniert, sondern auch, wo ihre Grenzen liegen und wann bewusst auf ihren Einsatz verzichtet wird.

Als didaktische Methode schließlich setzen sie KI zum Beispiel als didaktischen Sparringspartner ein. »In der Trainerausbildung arbeiten die Teilnehmer an eigenen Trainingskonzepten und nutzen KI gezielt, um kritische Rückfragen zu provozieren«, erklärt Sabine Prohaska. »Etwa zu Annahmen über die Zielgruppe, möglichen Schwachstellen oder Transferhürden. Die KI liefert dabei keine Bewertung und keine fertigen Lösungen, sondern hilft, die Selbstreflexion zu strukturieren. Die eigentliche Qualitätsarbeit passiert anschließend durch das Nachdenken, Diskutieren und Überarbeiten der Konzepte.«

Typische Fehler

Trotz der wachsenden Verbreitung von KI in der Erwachsenenbildung beobachtet Sabine Prohaska immer wieder typische Fehler und Missverständnisse bei angehenden Trainern. Der erste und häufigste Fehler ist die »Ein-Versuch-Mentalität«. »Viele Trainer probieren ein KI-Tool einmal aus, sind enttäuscht und erklären es dann für unbrauchbar«, berichtet Sabine Prohaska. »KI funktioniert aber nicht auf Knopfdruck. Man muss lernen, wie man mit ihr spricht.«

Der zweite klassische Fehler ist die Annahme, KI liefere automatisch »richtige« Antworten. »Das ist zum Beispiel bei Recherchen ein Problem«, warnt Sabine Prohaska. »Manche verlassen sich auf ein einzelnes Tool oder übernehmen Quellen ungeprüft, obwohl Links ins Leere führen oder Inhalte schlicht erfunden sind. KI halluziniert. Punkt.«

»Ich will Trainer befähigen, souverän, kritisch und verantwortungsvoll mit KI umzugehen«, fasst Sabine Prohaska ihr Ausbildungsziel zusammen.

Fazit

Die kommenden Jahre werden zeigen, wie die Erwachsenenbildung diese Balance findet zwischen technologischer Innovation und pädagogischer Verantwortung, zwischen Effizienzgewinn und Lerntiefe, zwischen Automatisierung und menschlicher Interaktion. Sabine Prohaska hat mit ihrer dreistufigen Integration von KI als Thema, als Tool und als didaktische Methode einen vielversprechenden Weg aufgezeigt. Personalentwickler sind nun gefordert, ähnliche Konzepte zu entwickeln und umzusetzen. Die Herausforderung ist groß, aber auch die Chance: KI kann, richtig eingesetzt, die Qualität der Erwachsenenbildung erheblich verbessern und Lernen ermöglichen, das individueller, effektiver und nachhaltiger ist als je zuvor.

Wie bei allen KI-Themen gilt: Es bleibt spannend.