Mitarbeiter mit Autismus gefragt

Warum Unternehmen Mitarbeiter mit Autismus einstellen sollten und wie man dabei Hilfe bekommt, lesen Sie in diesem Interview von Christoph Wirl.

Im Büro von »Specialisterne« geht es irgendwie anders zu als in anderen Firmen. Ich betrete das Unternehmen, grüße zwei Damen und mein Gruß wird ungewohnterweise nicht erwidert. Aus einem Zimmer höre ich folgendes Gespräch: »Mein Name ist Franz Meier, ich habe die Diagnose ›Autismus‹ seit 2010. Bisher habe ich in der Kreativwerkstatt gearbeitet, möchte mich aber nun gerne neu orientieren. Deshalb bin ich bei Ihnen.« Specialisterne bietet unterschiedliche Dienstleistungen für Unternehmen an, ein Schwerpunkt ist das Vermitteln von Menschen mit Autismus in den 1. Arbeitsmarkt. Die Projektleiterin stand mir dazu Rede und Antwort.

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Wie sind Sie organisiert, und was bieten Sie an?

Wir sind in Österreich ein gemeinnütziger Verein und existieren in dieser Form seit 2011. Die Initiative dazu kam aus Dänemark und wurde 2004 von Thorkil Sonne – einem Vater, dessen Sohn im Kleinkindalter eine Autismus-Diagnose erhielt – ins Leben gerufen. Es fiel ihm auf, dass sein Sohn besondere Begabungen hat, als er eines Tages den Atlas aus dem Gedächtnis nachzeichnete. So hat Thorkil Sonne festgestellt, welche Stärken Kinder und Jugendliche mit Autismus haben. Er selbst war damals in der IT-Branche tätig und wusste daher, dass die Talente von Menschen mit autistischer Wahrnehmung in dieser Branche besonders gefragt sind. Er hat sich dann selbstständig gemacht und das Unternehmen Specialisterne gegründet. In Dänemark hat das Unternehmen drei Standbeine: Eine Schule, eine Qualifizierungseinrichtung und eine Arbeitsvermittlung.

Was bieten Sie in Österreich an?

Wir bieten derzeit primär eine Art Jobvermittlung mit gezielter Betreuung an und stellen auch selbst Mitarbeiter mit Autismus bei uns ein. Allerdings bauen wir auch den Dienstleistungsbereich aus, das heißt Unternehmen können ihre standardisierten Aufgaben an uns auslagern. Bei der Einstellung eines Mitarbeiters gibt es 2 Varianten: Eine Möglichkeit ist es, dass wir den Mitarbeiter bei uns anstellen und mittels Arbeitskräfteüberlassung an Unternehmen verleasen. Für Unternehmen bedeutet dies das geringste Risiko und große Flexibilität. Viele Unternehmen übernehmen nach einiger Zeit den neuen Mitarbeiter zur Gänze. Die zweite Möglichkeit ist eine sofortige Fixanstellung. Als Dienstleister übernehmen wir auch Aufgaben wie Datenpflege oder Kontrolle und können diese zeitlich begrenzten Projekte in super Qualität bei uns im Büro oder vor Ort beim Auftraggeber erledigen.

Wie unterstützen Sie Unternehmen, denen Sie Mitarbeiter mit Autismus überlassen?

Wir bieten eine volle Betreuung. Wir laden zuerst Unternehmen zu uns ins Büro ein und stellen dort 2 bis 3 potenzielle Mitarbeiter vor. Dann begleiten wir die interessierten Personen ins Unternehmen, meistens gibt es einen Schnuppertag, damit auch das Team den neuen Mitarbeiter mit Autismus kennenlernt. Nur wenn es für Arbeitgeber und Arbeitnehmer passt, kommt es zu einem Vermittlungsvertrag. Wir verrechnen dann dem Unternehmen eine Vermittlungspauschale. Was diese Pauschale zusätzlich beinhaltet, ist ein Workshop für das Unternehmen und das entsprechende Team.

Was passiert in diesem Workshop?

Der Workshop hat mehrere Funktionen. Das Wichtigste ist natürlich, dass die Mitarbeiter im Team wissen, was Autismus ist, und wie sie mit einem Mitarbeiter mit autistischer Wahrnehmung umgehen sollen. Der Mitarbeiter mit Autismus stellt sich persönlich vor und erzählt, welche Aspekte von Autismus auf ihn zutreffen, und wie er bzw. sein Umfeld damit umgehen kann. Ein Beispiel dafür ist, dass er sich oft keine Fragen zu stellen traut. Daher müssen die Führungskraft und die Kollegen wissen, dass sie öfters an ihn herantreten müssen und aktiv nachfragen sollen, ob alles klar ist. Das ist natürlich besonders für die Führungskraft von hoher Relevanz, damit sie weiß, wie sie die entsprechende Person führen muss. Manche brauchen ganz klare Anweisungen, wie sie die Aufgabe lösen sollen. Noch viel klarer und detaillierter als üblich. Die Führungskraft muss genau wissen, was sie selbst will. Das stellt viele Leader vor neue Herausforderungen, dadurch lernen sie enorm viel. Der Workshop hat auch Teambuilding-Komponenten. Jeder im Team stellt sich dem neuen Mitarbeiter vor. Der neue Mitarbeiter mit Autismus erzählt einiges über sich, das ist manchmal nicht einfach. Daher ist auch das Team angehalten, etwas über sich zu erzählen. Das fördert den Teamspirit für alle. Wir bekommen von Unternehmen häufig die Rückmeldung, dass sich durch den Mitarbeiter mit autistischer Wahrnehmung die Zusammenarbeit im Team generell verbessert hat. Im Unternehmen gibt es immer einen Mentor, der den neuen Kollegen »an der Hand nimmt« und in die Kultur einführt. Dazu kommt ein Coach von uns, dann wird zu dritt reflektiert, wie es geht, und was noch fehlt.

Was kostet Ihr Service?
Wir sind nicht billiger oder teurer als andere Arbeitskräfteüberlasser, bieten aber um das glei-che Geld eine Reihe mehr an Dienstleistungen. Auch müssen die Leistungen unserer Mitarbeiter adäquat entlohnt werden. Wir haben bisher noch von keiner einzigen Firma einen Mitarbeiter zurückgeschickt bekommen. Besonders die Loyalität und Motivation der Mitarbeiter wird in Zeiten hoher Fluktuation und innerlicher Kündigung sehr geschätzt. So sparen sich Unternehmen viel Geld für das Recruiting. Mitarbeiter mit Autismus übernehmen auch Aufgaben, die andere Mitarbeiter nur sehr ungerne machen, mit wahrer Begeisterung und sind dabei hoch motiviert. Die meisten wollen keine großen Karrieresprünge machen, sondern sind froh über eine regelmäßige, stabile Tätigkeit, wo sie zeigen dürfen, was sie können. Zusätzlich bekommen diese Unternehmen natürlich auch  eine entsprechende Medienpräsenz.

Und sparen sich die Ausgleichszahlung, oder?

Nicht immer, viele Personen im Autismus-Spektrum, vor allem Personen mit Aspergersyndrom, besitzen oft nur einen 30-%igen Grad der Behinderung. Um sich die Ausgleichszahlung zu ersparen, sind allerdings mindestens 50 % nötig. Der Vorteil für die Unternehmen liegt eher in der speziellen Eignung unserer Mitarbeiter für die gestellten Aufgaben und weniger in der Quotenerfüllung.

Wie zeigen sich die Symptome von Mitarbeitern im Autismus-Spektrum im beruflichen Alltag?

Viele Menschen wissen lange Zeit gar nicht, dass sie an einer Form des Autismus erkrankt sind, und bemerken erst im Erwachsenenalter, dass sie das Aspergersyndrom haben – eine leichtere Form von Autismus. Die Auswirkungen sind ganz unterschiedlich. Kinder entwickeln Spezialinteressen und sind mit der sozialen Umgebung überfordert. Sport und Spiele interessieren sie nicht, sie wollen »ihr Thema« leben und eignen sich dazu ganz viel Wissen an. Das sind Themen wie Programmieren, Sprachen, Physik oder Chemie. Sie sind sehr ausdauernd und arbeiten hoch konzentriert. Sie haben ein starkes logisches und analytisches Denkvermögen. Sie lieben Routineaufgaben in stabilen Umgebungen. Was sie nicht wollen, ist Multitasking und sich ständig ändernde Rahmenbedingungen. Auch Smalltalk wollen sie nicht, sie sind direkt und offen und wollen nicht übers Wetter sprechen. Das ist manchmal schwierig, besonders, wenn man nicht weiß, dass dieser Mensch ein »Autist« ist.

Für welche Positionen eignen sich Personen mit Autismus?

Aufgaben, bei denen man genau sein muss. Komplexe Aufgaben, wo logische Zusammenhänge erfasst werden müssen, sind optimal. Das ist naturgemäß viel in der IT, in der Programmierung, aber auch im Lektorat bei Gesetzestexten haben wir schon vermittelt. Wir haben auch Anfragen für die Verarbeitung von Big Data und für das Testen und Dokumentieren von neuer Software. Auch im Back-Office oder in der Buchhaltung haben wir bereits erfolgreich vermittelt. Bei bauMax haben wir beispielsweise erfolgreich eine Logistikerin vermittelt. Bei LexisNexis haben wir einen Versicherungsmathematiker vermittelt, der im Lektorat arbeitet. Bei der Firma AIT und Paysafe Card haben wir jeweils einen bzw. zwei Programmierer vermittelt und bei Baxter AG haben wir vier Personen u. a. in den Bereichen Proof Reading, Labeling, Quality Coordination erfolgreich vermittelt.

Wie kann man Sie unterstützen?

Wir bekommen keine öffentliche Finanzierung. Derzeit erhalten wir noch Unterstützung von der privaten Essl-Foundation und der Hil-Stiftung. Wir suchen daher Unternehmen, die die Stärken von Menschen mit autistischer Wahrnehmung in ihrem Unternehmen nutzen wollen. Auch für Unternehmen, die temporäre Aufgaben auslagern wollen, wie z. B. die Datenpflege in Datenbanken, die von Studenten vielleicht schlampiger ausgeführt werden, passen wir genau. Eine spezielle Herausforderung ist die Ausbildung der jungen Menschen, die sich an uns wenden. Unternehmen, die mit uns gemeinsam diese Talente in Fachbereichen wie Programmierung oder Software-Testing bzw. in einer Lehre ausbilden wollen, können sich langfristig den Zugang zu loyalen Fachkräften sichern.

Danke für das Gespräch.

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Elisabeth Krön

Projektleitung, Specialisterne Austria

Studium: Italienisch und Germanistik,

Schauspielausbildung,

selbstständige Trainerin für Führungskräfte,

seit 2011 im Gründungsteam von Specialisterne Austria

Über Specialisterne Austria

Specialisterne ist dänisch und bedeutet »die Spezialisten«. Das Unternehmen bringt Mitarbeiter mit Autismus, die spezielle Fähigkeiten haben, mit Unternehmen zusammen, die diese Talente benötigen. Es beschäftigt Spezialisten in den Bereichen IT (z. B. Programmierung & Software Testing), Qualitätssicherung und Dateneingabe und -kontrolle.

www.specialisterne.at