Österreichs Unternehmen messen Weiterbildung so viel Bedeutung bei wie lange nicht – und Digitalisierung samt KI führt erstmals das Themenranking an.
Die betriebliche Weiterbildung in Österreich gewinnt spürbar an strategischem Gewicht. Die aktuelle, zum 18. Mal durchgeführte Studie »Weiterbildung in Österreich 2026« zeigt: Künstliche Intelligenz ist über Nacht zum dominierenden Weiterbildungsthema geworden, der Lernformat-Mix kippt weiter Richtung Digital, und von Weiterbildungsanbietern wird deutlich mehr erwartet als klassische Trainings.
Die Zahlen stammen aus der repräsentativen Erhebung der Plattform für berufsbezogene Erwachsenenbildung (PbEB) in Kooperation mit MAKAM Research: 200 HR- und Personalverantwortliche aus Unternehmen ab 20 Mitarbeitern wurden im ersten Quartal 2026 online befragt, repräsentativ verteilt über alle Bundesländer und Branchen.
Digitalisierung und KI
Auf die Frage, welche Weiterbildungsmaßnahmen dem eigenen Unternehmen den größten Konkurrenzvorsprung verschaffen, gibt es 2026 eine klare Antwort: 68 % nennen Digitalisierung und KI – ein Thema, das in dieser Form erstmals abgefragt wurde und aus dem Stand alle Klassiker hinter sich lässt. Dahinter folgen Persönlichkeitsentwicklung mit 47 % (plus 8 Prozentpunkte gegenüber 2025) und Management/Unternehmensführung mit 42 % (plus 14 Prozentpunkte). Bemerkenswert ist die Kehrseite: Traditionelle Themen wie Sicherheit (11 %), Informatik- und EDV-Anwendungen (12 %) oder Gesundheit und Arbeitnehmerschutz (19 %) verlieren jeweils 13 bis 15 Prozentpunkte. Die Prioritäten verschieben sich sichtbar von der operativen Pflicht zur strategischen Kür.
Bedeutung steigt so stark wie nie
68 % der Befragten erwarten, dass die Bedeutung von Weiterbildung in ihrem Unternehmen in den kommenden Jahren zunimmt – 23 % sagen sogar »stark zunehmen«. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Sprung um 18 Prozentpunkte (2025: 50 %). Nur 3 % rechnen mit abnehmender Bedeutung. Der Befund ist eindeutig: Weiterbildung rückt weiter ins Zentrum der Unternehmensstrategie.
Polarisierung statt Stabilität
Bei den Budgets zeigt sich allerdings ein neues, ambivalentes Bild. 31 % der Unternehmen erhöhen 2026 ihr Weiterbildungsbudget – mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig reduzieren aber 26 % ihre Mittel, nur 43 % halten das Budget konstant. Die Zeiten flächendeckend stabiler Budgets sind damit vorbei: Die Schere zwischen Unternehmen, die kräftig investieren, und solchen, die den Sparstift ansetzen, öffnet sich. Für Personalentwickler heißt das: Der Wirkungsnachweis von Weiterbildung wird zur harten Währung in der Budgetverhandlung.
Lernformate: Der Mix kippt Richtung Digital
Beim geplanten Formatmix für 2026 entfallen im Schnitt 46 % auf reine Präsenztrainings – 2025 waren es noch 60 %. Digitale Lernformen legen von 21 % auf 30 % zu, Blended Learning wächst von 16 % auf 21 %. Präsenz bleibt damit zwar das stärkste Einzelformat, verliert aber deutlich an Boden. Mehr als die Hälfte des Lernens findet künftig ganz oder teilweise digital statt – eine Entwicklung, die Lernarchitektur, Didaktik und Infrastruktur gleichermaßen fordert.
KI: Akzeptanz auf Rekordniveau, Bedarf in der Breite
4 von 5 HR-Verantwortlichen (80 %) stehen der rasanten Entwicklung von Künstlicher Intelligenz positiv gegenüber – ein Plus von 6 Prozentpunkten gegenüber 2025; die Kategorie »sehr negativ« ist mit 1 % nahezu verschwunden. Beim Weiterbildungsbedarf zeigt sich ein auffallend breites Feld – gleich fünf KI-Themen liegen über 37 %:
- Grundlagenwissen zu KI (41 %)
- Strategischer Einsatz im Unternehmen (40 %)
- Generative KI – Texte, Bilder, Lernmaterialien (40 %)
- Prompt Engineering und KI-Tools (40 %)
- Rechtlicher Rahmen: AI Act, Datenschutz (37 %)
Im Schnitt nennen die Unternehmen 3,3 Bedarfsfelder gleichzeitig. Gefragt ist also kein einzelner KI-Kurs, sondern ein paralleles Lernportfolio von den Grundlagen bis zur Rechtssicherheit.
Anbieter werden zu Beratungspartnern
Deutlich verschieben sich auch die Erwartungen an Weiterbildungsanbieter: 51 % wünschen sich begleitende Beratung bei der KI-Implementierung, 43 % die Bereitstellung digitaler Lernplattformen und 41 % Transferbegleitung nach dem Training. Bei den geforderten Kompetenzfeldern liegen rechtliche und ethische Rahmenbedingungen (37 %) knapp vor technologischem Grundlagenwissen (35 %) und Change-Management (32 %). Das klassische Seminar allein reicht nicht mehr – gefragt ist Begleitung entlang des gesamten Transformationsprozesses.
Politik und Europa: Förderprogramme gefragt, EU-Angebote kaum bekannt
Als hilfreichste politische Maßnahme nennen die HR-Verantwortlichen erstmals staatliche Förderprogramme (29 %), die damit die steuerlichen Anreize (26 %) überholen. Auffällig: Die Unterstützung der Weiterbildung Älterer springt von 4 % auf 14 % – die Demografie kommt in der Förderdiskussion an. 80 % sehen Weiterbildung zudem als (sehr) hohen Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Marktumfeld. Die EU-Programme selbst kennt man aber kaum: Außer Erasmus+ (93 % Bekanntheit) bleibt alles unter 33 % – im Schnitt kennen HR-Verantwortliche nur 1,9 der abgefragten Initiativen. Hier liegt Fördergeld auf der Straße.
Handlungsempfehlungen für die Praxis
1. KI-Lernportfolio in der Breite anlegen
Planen Sie KI-Weiterbildung nicht als Einzelmaßnahme, sondern als Portfolio: Grundlagen und generative KI für alle, Prompt-Training für Anwender, Strategie- und Rechtsthemen für Führungskräfte. Die Studiendaten zeigen: Der Bedarf besteht in mehreren Feldern parallel.
2. Wirkung messbar machen
Angesichts polarisierter Budgets entscheidet der Wirkungsnachweis. Definieren Sie je Maßnahme klare Transferziele und Kennzahlen – so sichern Sie Ihr Budget auch in Sparphasen ab.
3. Formatmix aktiv steuern
Nutzen Sie den Digital-Schub bewusst: Wissensvermittlung digital, Präsenz gezielt für Übung, Feedback und Vernetzung. Wer den Mix aktiv gestaltet, statt ihn geschehen zu lassen, spart Kosten und erhöht die Lernwirkung.
4. Anbieter als Transformationspartner auswählen
Fordern Sie von Anbietern, was die Mehrheit erwartet: Bedarfsanalyse vor dem Training, Implementierungsberatung und Transferbegleitung danach. Reine Seminarkataloge sind zu wenig.
5. EU-Förderlandschaft erschließen
Prüfen Sie über Erasmus+ hinaus Programme wie ESF+ oder das Digital Europe Programme. Die geringe Bekanntheit bedeutet auch: wenig Konkurrenz um vorhandene Mittel.
Ausblick: Vom Trainingskatalog zur Transformationsagenda
Die Studie 2026 markiert einen Wendepunkt: Weiterbildung wird als wichtiger denn je eingeschätzt, gleichzeitig steigen Erwartungsdruck und Budgetdisziplin. Wer jetzt ein breites KI-Portfolio aufbaut, den Formatmix konsequent gestaltet und Anbieter als Partner statt als Lieferanten begreift, macht die Personalentwicklung zum strategischen Motor der Transformation – und verschafft dem eigenen Unternehmen genau jenen Konkurrenzvorsprung, den 68 % der Befragten von Digitalisierung und KI erwarten.
Über die Studie
Die Studie kann kostenlos heruntergeladen werden unter:
plattform-erwachsenenbildung.at/weiterbildungsstudie




