Wie sieht eine Ausbildung aus, die morgen noch etwas wert ist? Erich Nepita erklärt, worauf es jetzt wirklich ankommt.
Wenn Sie über »zukunftsfähige Ausbildung« sprechen: Was bedeutet das für Sie ganz konkret?
Erich Nepita: Zukunftsfähige Ausbildung ist für mich ein Dreiklang aus Branchenwissen, fachlicher Expertise und sozialen Kompetenzen. Jede Aufgabe verlangt spezifisches Insiderwissen – man denke nur an die gravierenden Unterschiede zwischen der Gastronomie und der Pharmaindustrie. Auch innerhalb eines Betriebs macht es einen Unterschied, ob man in der Produktion oder im Sales tätig ist. Doch während fachliche Skills heute oft nur noch die »Eintrittskarte« sind, entscheiden in der digitalen Ära zunehmend die sozialen Fähigkeiten über den langfristigen Erfolg. Eine Ausbildung ist dann zukunftsfähig, wenn sie kein statisches Wissen anhäuft, sondern die Basis für kontinuierliches Lernen legt. Wir müssen junge Menschen befähigen, Kommunikation, Konfliktfähigkeit und Flexibilität als Werkzeuge zu begreifen, die sie sicher durch eine sich ständig wandelnde Arbeitswelt tragen. Nur wer lernt, sich laufend neues Fachwissen anzueignen und gleichzeitig menschlich kompetent zu agieren, ist für die moderne Wirtschaft wirklich gerüstet.
Welche drei Kompetenzen werden aus Ihrer Sicht in den nächsten zehn Jahren in fast jedem Beruf wichtiger?
Ich spreche hier gerne von meinen sogenannten »K-Kompetenzen«. Wenn ich mich auf drei Kernbereiche festlegen müsste, die branchenübergreifend an Bedeutung gewinnen, dann sind das: Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit, Kreativität im Sinne von Problemlösungskompetenz sowie die Bereitschaft zu kontinuierlichem Lernen. In einer vernetzten Welt reicht isoliertes Fachwissen nicht mehr aus; wir müssen komplexe Sachverhalte gemeinsam im Team bearbeiten und Ergebnisse kritisch hinterfragen können. Hinzu kommt die Komplexitätskompetenz: Die Fähigkeit, auch in einer unübersichtlichen Welt strukturiert und besonnen zu entscheiden. Auch wenn Konfliktfähigkeit und Kundenorientierung zentrale Pfeiler bleiben, bildet das Fundament der nächsten Dekade vor allem die Offenheit, sich lebenslang weiterzuentwickeln und empathisch mit anderen zu interagieren.
Welche Ausbildungswege halten Sie für besonders robust gegenüber Krisen und wirtschaftlichen Umbrüchen?
Besonders robust sind jene Ausbildungswege, die eine solide theoretische Basis mit einer hohen praktischen Flexibilität kombinieren. Reine Theorie stößt in Zeiten schneller Umbrüche rasch an ihre Grenzen. Krisenfest sind Formate, die Wissen direkt mit Erfahrung verknüpfen – etwa durch Praktika, praxisorientierte Projektarbeiten oder duale Systeme. Wer lernt, theoretische Konzepte unmittelbar auf reale, sich verändernde Probleme anzuwenden, entwickelt eine natürliche Resilienz gegenüber wirtschaftlichen Schwankungen. Es geht darum, nicht nur für den Status quo ausgebildet zu werden, sondern die Kompetenz zu erwerben, aktiv an positiven Veränderungen mitzuwirken. Ausbildungswege, die den Dialog zwischen Wissenschaft und Wirtschaft fördern, bieten hier den größten Vorteil. Sie ermöglichen es Absolventen, blitzschnell auf Marktveränderungen zu reagieren und einen unmittelbaren Mehrwert zu leisten – völlig ungeachtet dessen, wie stark sich das Umfeld gerade transformiert.
Welche Branchen werden Ihrer Einschätzung nach in den nächsten Jahren besonders stark wachsen?
Ich halte das klassische Denken in starren Branchen für überholt. Wachstum findet heute nicht mehr pauschal in einem ganzen Sektor statt, sondern in innovativen Segmenten innerhalb dieser Felder. Nehmen wir die Automobilindustrie: Während traditionelle Bereiche unter Druck geraten, wachsen Segmente rund um neue Antriebstechnologien und Software-Integration rasant. Ähnliches gilt für die Rohstoffbranche: Es kommt nicht auf das »Was« an, sondern auf das »Wie« – also die Anpassung an ökologische und digitale Marktbedürfnisse. Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass Branchen einfach boomen oder verschwinden. Erfolgreich werden jene Akteure sein, die sich innerhalb ihres Feldes agil an die neuen Bedürfnisse des Marktes anpassen. Wachstum ist heute eine Frage der Spezialisierung und Flexibilität, nicht mehr der bloßen Branchenzugehörigkeit.
Welche Berufe verschwinden tatsächlich – und welche verändern sich »nur«?
Oft wird behauptet, Berufe würden ersatzlos gestrichen, doch ich sehe eher eine radikale Transformation. Ein treffendes Beispiel ist der Dolmetscher: Durch KI-gestützte Systeme verändert sich dieses Berufsbild fundamental. Der Beruf »verschwindet« zwar in seiner traditionellen Form, orientiert sich aber völlig neu und erschließt sich durch neue Techniken viel breitere Anwendungsfelder. Wir erleben keine Vernichtung von Arbeit, sondern eine technologische Evolution. Viele Berufe werden sich so stark wandeln, dass sie mit ihrem Ursprung kaum noch etwas gemein haben. Doch gerade dadurch entstehen oft spezialisiertere Rollen, in denen menschliche Expertise in der Steuerung und Qualitätssicherung wichtiger denn je ist. Es ist ein Prozess der Neudefinition, der das Einsatzspektrum für Fachkräfte eher erweitert als einschränkt.
Wie stark verändern KI und Automatisierung aktuell die Anforderungen an Berufseinsteiger?
KI wird die Arbeitsweise grundlegend verändern, aber nicht schlagartig alles Bestehende ersetzen. Für Berufseinsteiger bietet das enorme Chancen: Durch den geschickten Einsatz von KI können sie viel schneller in Spezialistenrollen hineinwachsen und schon früh wirkungsvolle Aufgaben übernehmen. Die Anforderungen verschieben sich weg von reinen Routineaufgaben hin zur Steuerung von Systemen und der strategischen Bewertung von Ergebnissen. Ich rate Einsteigern zu Modellen wie dem dualen System oder »Double-Career«-Ansätzen, bei denen man parallel zur Praxis lernt. Es werden vermehrt Übergangsorganisationen entstehen, die Raum für projektbasiertes Arbeiten und flexible Beschäftigung bieten. Wer lernt, KI als Werkzeug souverän zu beherrschen, wird sehr rasch in verantwortungsvolle Positionen kommen und die Zukunft seines Unternehmens aktiv mitgestalten.
Was ist Ihrer Meinung nach der größte Irrtum, den viele Menschen über »die Jobs der Zukunft« haben?
Der größte Irrtum ist die Angst, dass uns die Arbeit ausgehen wird. Historisch gesehen hat jede technologische Revolution – von der Industrialisierung bis zur Digitalisierung – unter dem Strich mehr Arbeitsplätze geschaffen, als sie vernichtet hat. Ein weiterer Fehler ist der Glaube, die Veränderung mache alles schlechter. Ich sehe darin die historische Chance, Arbeit menschlicher und effizienter zu gestalten. Wir bewegen uns in einer Welt, in der zwei Trends parallel laufen: Die Anwendung technischer Tools wird immer einfacher (Vereinfachung), während die technologische Basis im Hintergrund komplexer wird (Komplexität). Wenn wir diesen Dualismus verstehen, können wir die Arbeitswelt so gestalten, dass sie uns entlastet und mit weniger Zeitaufwand eine viel höhere Wirkung erzielt. Die Zukunft der Arbeit ist kein Bedrohungsszenario, sondern ein Gewinn an Kreativität und Lebensqualität.
Danke für das Gespräch.




