Bildung neu denken

Future Skills im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz und massiven Veränderungen: Zur radikalen Kompetenzorientierung in der österreichischen Hochschulbildung.

Künstliche Intelligenz (KI) ist kein weiteres Digitalisierungsthema unter vielen. Sie wirkt als radikaler Beschleuniger des Wandels: Arbeitsprozesse verändern sich, Entscheidungslogiken verschieben sich, Verantwortung wird mancherorts neu verteilt. Für die Hochschulbildung – und insbesondere für die österreichischen Fachhochschulen – stellt sich damit eine zentrale Frage: Welche Kompetenzen brauchen Studierende, um in einer KI-geprägten Welt handlungsfähig zu bleiben? Die Antwort darauf führt weg von reiner Wissensvermittlung und hin zu Future Skills.

Future Skills: Kompetenz statt Vorhersagbarkeit

Future Skills bezeichnen jene Kompetenzen, die Menschen befähigen, in hochdynamischen, unsicheren und nicht planbaren Handlungskontexten selbstorganisiert handlungsfähig zu bleiben. Sie integrieren Wissen, Fähigkeiten sowie innere Haltungen und Werte. Ulf-Daniel Ehlers (2020) beschreibt Future Skills als Kompetenzen, die es Individuen erlauben, komplexe Probleme in emergenten Situationen zu lösen und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Entscheidend ist dabei nicht die Reproduktion von Wissen, sondern die Fähigkeit zur Reflexion, Entscheidung und Gestaltung. KI macht diesen Perspektivwechsel besonders sichtbar: Während Systeme Informationen generieren und Vorschläge liefern, bleibt die Verantwortung für Entscheidungen beim Menschen.

KI als Prüfstein für radikale Kompetenzorientierung

KI fungiert als Prüfstein für eine radikale Kompetenzorientierung. Wer mit KI arbeitet, muss Ergebnisse einordnen, Grenzen erkennen, Entscheidungen verantworten und normative Fragen reflektieren. Technisches Bedienwissen allein reicht dafür nicht aus. Vor diesem Hintergrund wurde von Ehlers, Lindner & Rauch (2023) das Kompetenzmodell »AIComp – Future Skills für eine durch KI geprägte Lebenswelt« entwickelt. Es beschreibt jene KI-bezogenen Future Skills, die Menschen befähigen, KI souverän, kritisch und verantwortungsvoll zu nutzen. Die Vielzahl einzelner KI-Kompetenzen lässt sich auf fünf zentrale Future Skills verdichten:

  • Kritische digitale Kompetenz: KI-Systeme verstehen, ihre Grenzen erkennen und ihre Wirkungen beurteilen.
  • Entscheidungskompetenz: KI-gestützte Empfehlungen reflektiert nutzen und Verantwortung übernehmen.
  • Selbstbestimmte Steuerungsfähigkeit: KI gezielt einsetzen und algorithmischer Fremdbestimmung entgegenwirken.
  • Kritisch-ethische Urteilsfähigkeit: Auswirkungen von KI auf Fairness, Transparenz und Verantwortung bewerten.
  • Kooperations- und Kommunikationskompetenz: KI-Fragestellungen interdisziplinär diskutieren und gemeinsam gestalten.

Diese Kompetenzen sind lernbar, aber nicht standardisierbar. Sie entstehen dort, wo Studierende mit offenen, realen Handlungssituationen konfrontiert sind.

Fachhochschulen als Trainingsräume für KI-Future-Skills

Österreichische Fachhochschulen qualifizieren für konkrete berufliche Handlungsfelder. In einer KI-geprägten Arbeitswelt bedeutet dies, Studierende nicht zu bloßen Anwendern vorgefertigter Systeme auszubilden, sondern zu souveränen Akteuren, die KI reflektiert nutzen und mitgestalten können.

Damit diese Kompetenzen entstehen, braucht es Lernformate jenseits klassischer, inhaltszentrierter Lehrveranstaltungen. Aus einer Trainingsperspektive bedeutet dies einen klaren Bruch mit klassischen, inhaltszentrierten Lehrformaten. KI-bezogene Future Skills entstehen vor allem dort, wo Lernende in realitätsnahen, offenen Problem- und Entscheidungssituationen trainieren. Projekt- und problembasiertes Lernen bildet hierfür den zentralen Rahmen: Studierende arbeiten an konkreten Praxisfragen, nutzen KI-Systeme als Werkzeuge, müssen deren Ergebnisse einordnen und Konsequenzen ihres Handelns verantworten. KI wird damit nicht Lehrinhalt, sondern Trainingsgegenstand für Urteilsfähigkeit, Entscheidungs- und Verantwortungskompetenz.

Besonders wirksam sind experimentelle Trainingsformate, die bewusst Raum für Erprobung, Irritation und auch Scheitern lassen. Der didaktische Mehrwert entsteht nicht durch perfekte Ergebnisse, sondern durch die anschließende Reflexion: Warum hat die KI dieses Ergebnis geliefert? Welche Annahmen lagen zugrunde? Welche Entscheidung wäre unter anderen Rahmenbedingungen sinnvoll gewesen? Hier zeigt sich, dass Kompetenzentwicklung ohne strukturierte Reflexion kaum möglich ist. Formate wie Lernportfolios, Feedback- und Coachinggespräche oder Peer-Reviews sind daher kein Zusatz, sondern zentrale Elemente eines kompetenzorientierten Trainingsdesigns. Somit gewinnen selbstorganisierte Lernphasen an Bedeutung. Training bedeutet in diesem Zusammenhang nicht Anleitung, sondern Begleitung: Lehrende übernehmen zunehmend die Rolle von Lernbegleitern, Coaches und Reflexionspartnern, die Lernprozesse rahmen, herausfordern und Transfer sichern.

Für Fachhochschulen impliziert dies auch eine gezielte Weiterentwicklung der Lehrendenqualifizierung im Bereich kompetenzorientierter Didaktik und Trainingsgestaltung. Ohne diese didaktische Neuausrichtung droht eine neue Form der Fremdbestimmung durch algorithmische Systeme. Mit kompetenzorientierten Lernformaten hingegen bleiben Absolventen autonom, anschlussfähig und verantwortungsfähig. Konkret: Studierende gewinnen Selbstwirksamkeit, digitale Mündigkeit und Employability. Folglich profitieren Arbeitgeber von reflektierten, verantwortungsvollen KI-Nutzern. Letztendlich gewinnen Gesellschaft und Demokratie Bürger, die algorithmische Systeme hinterfragen und mitgestalten können.

Fazit

KI ist nicht nur ein neues Werkzeug, sondern ein Katalysator für einen überfälligen Wandel in der Hochschulbildung. Für österreichische Fachhochschulen bedeutet dies, Lehre konsequent von Kompetenzen her neu zu denken. KI-bezogene Future Skills sind dabei kein Zusatz, sondern die Grundlage für Zukunftsfähigkeit. Durch ihre anwendungsorientierte Ausrichtung sind Fachhochschulen bestens gerüstet für diese neuen Anforderungen und werden dadurch ihre Rolle als zukunftsfähige Bildungsinstitutionen noch weiter ausbauen können.