Lernen braucht Begegnung

Künstliche Intelligenz treibt die Weiterbildung in Österreich rasant voran – doch der Schlüssel zum Erfolg liegt im Zusammenspiel von digitalem Lernen und persönlicher Begegnung. Hier lesen Sie eine Auswertung aktueller Studien zu diesem Thema.

Die Weiterbildungsstudie 2025 der Plattform für berufsbezogene Erwachsenenbildung zeigt: Künstliche Intelligenz verändert die betriebliche Aus- und Weiterbildung in Österreich grundlegend, und Distance Learning gewinnt als Trägerformat dieser Transformation neue Bedeutung. Gleichzeitig bleibt das Präsenztraining hierzulande beliebter als in vielen anderen Ländern. Was bedeutet das für HR-Manager und Personalentwickler in österreichischen Unternehmen, die ihre Belegschaft fit für die Zukunft machen wollen?

Wer in Österreich heute über Weiterbildung in Unternehmen spricht, kommt an Distance Learning nicht mehr vorbei – auch wenn der Markt eine ganz eigene Charakteristik aufweist. Während sich digitale Lernformate seit der Pandemie etabliert haben und mit Künstlicher Intelligenz nun ihre nächste Entwicklungsstufe nehmen, zeigen die aktuellen Studien österreichischer Anbieter ein differenziertes Bild: Die Akzeptanz digitaler Bildung ist hoch, der Wunsch nach persönlicher Begegnung im Lernprozess aber bleibt – auf Seiten der Lernenden ebenso wie auf Seiten der Unternehmen. Genau in diesem Spannungsfeld zwischen Flexibilität, Effizienz und sozialem Lernen liegt die Aufgabe moderner Personalentwicklung.

Dieser Artikel beleuchtet die wichtigsten aktuellen Entwicklungen rund um Distance Learning, ordnet sie anhand der neuesten heimischen Studien ein und gibt Personalverantwortlichen konkrete Orientierung, wie sie ihre Weiterbildungsstrategie zukunftsfähig aufstellen können.

KI wird zum stärksten Treiber der Weiterbildung

Den klarsten Befund zur Entwicklung der österreichischen Weiterbildungslandschaft liefert die Weiterbildungsstudie 2025 der Plattform für berufsbezogene Erwachsenenbildung, die im Frühjahr 2025 von MAKAM Research bereits zum 17. Mal durchgeführt wurde. Befragt wurden 400 Personalverantwortliche und Geschäftsführer aus österreichischen Unternehmen ab 20 Mitarbeitern.

Das Ergebnis ist eindeutig: Mit 71 % Bedeutungszuwachs ist Künstliche Intelligenz das am stärksten wachsende Thema im österreichischen Weiterbildungsbereich. KI ist damit nicht mehr nur ein Trend, sondern gewinnt im Bewusstsein der Personalverantwortlichen eine strategische Dimension. Persönlichkeitsentwicklung bleibt mit 39 % zwar das absolute Top-Thema der betrieblichen Weiterbildung, dicht gefolgt von Technik und Produktion mit 36 % – doch der Schub bei KI ist beispiellos und verändert das gesamte Weiterbildungsfeld.

Bemerkenswert ist auch die Investitionsbereitschaft: 24 % der österreichischen Unternehmen haben in ihren Budgets für 2025 mehr Mittel für Weiterbildung eingeplant als im Vorjahr. Dies steht in deutlichem Kontrast zu Entwicklungen in Deutschland, wo Weiterbildungsbudgets laut Bitkom/HRpepper-Studie 2025 trotz steigenden Bedarfs sinken. Der österreichische Markt zeigt sich hier resilienter und strategischer ausgerichtet.

Unternehmen investieren – aber Präsenz bleibt erste Wahl

Die hohe Bedeutung von Weiterbildung in Österreich belegt auch das WIFI-Weiterbildungsbarometer 2024, eine Umfrage, die von IMAS International jährlich im Auftrag von WIFI Österreich durchgeführt wird. 300 Unternehmer mit mindestens 10 Mitarbeitern sowie 1.012 Erwerbstätige wurden repräsentativ für die Gesamtbevölkerung über 16 Jahren befragt. Das Ergebnis: 85 % der Unternehmer halten Weiterbildung für wichtig oder sehr wichtig, ein leichter Anstieg gegenüber den 83 % des Vorjahres. 22 % der befragten Unternehmen wollen trotz gestiegenen Kostendrucks noch mehr in die Weiterentwicklung ihrer Mitarbeiter investieren – 2023 waren es noch 18 % (WIFI Österreich/IMAS International, 2024).

Doch ein zentrales Detail verdient besondere Beachtung: Trotz aller Digitalisierungseuphorie bleibt das Präsenztraining in Österreich auffallend stark verankert. Laut WIFI-Weiterbildungsbarometer 2024 präferieren 59 % der Lernenden das klassische Kursraum-Setting, nur 20 % bevorzugen reine Online-Kurse. Selbst bei Mischformen wünschen sich Arbeitgeber einen leicht höheren Präsenzanteil von 55 % (WIFI Österreich/IMAS International, 2024). Die Weiterbildungsstudie 2024 von MAKAM Research bestätigt diesen Trend: Reine Präsenztrainings machen 61 % aller geplanten Weiterbildungsmaßnahmen aus, mit steigender Tendenz von 53 % (2022) über 57 % (2023) auf nun 61 %.

Das ist kein Widerspruch zur wachsenden Bedeutung von Distance Learning, sondern eine wichtige Differenzierung für die Praxis: Österreichische Unternehmen und Lernende schätzen den persönlichen Austausch, das gemeinsame Lernen und die unmittelbare soziale Rückkopplung. Personalentwickler tun also gut daran, Distance Learning nicht als Ersatz für Präsenzformate zu positionieren, sondern als komplementäre Lernform, die dort eingesetzt wird, wo sie ihre Stärken am besten ausspielt: bei zeitlich und örtlich flexibler Wissensaneignung, bei Microlearning, bei Compliance-Schulungen, bei der Vertiefung individueller Themen sowie bei der Begleitung größer dimensionierter Transformationsprogramme – etwa zur KI-Kompetenz.

Blended Learning als Königsweg

Wer die Studienlage genau liest, erkennt: Der eigentliche Trend in Österreich heißt nicht Distance Learning oder Präsenz, sondern Blended Learning – die intelligente Kombination beider Welten. Das WIFI-Weiterbildungsbarometer 2024 zeigt, dass Lernende, die Mischformen bevorzugen, sich eine 50:50-Aufteilung zwischen Präsenz- und Online-Inhalten wünschen. Die Weiterbildungsstudie 2024 weist Blended Learning und rein digitale Lernformen mit zusammen mehr als einem Drittel weiterhin als sehr beliebt aus, auch wenn ihre Bedeutung gegenüber Präsenz leicht abgenommen hat. Für österreichische HR-Manager besonders relevant ist die Beobachtung des WIFI Wien aus der repräsentativen Befragung von 800 Wiener im erwerbsfähigen Alter im März 2025: Reines digitales Lernen wird zwar genutzt, aber fehlende Interaktion mit anderen Teilnehmern wirkt oft demotivierend. Besonders die mittlere Altersgruppe, die Weiterbildung mit Familien- und Betreuungspflichten vereinbaren muss, bevorzugt individuelles Lernen im eigenen Tempo mit digitalem Zugriff auf Lernmaterialien (WIFI Wien, 2025). Genau hier liegt die Stärke moderner Distance-Learning-Konzepte: zeitliche und örtliche Flexibilität bei gleichzeitiger Möglichkeit zum Austausch in synchronen Online-Sessions, virtuellen Lerngruppen und gelegentlichen Präsenzphasen. Die TÜV AUSTRIA Akademie und das WIFI als zwei der wichtigsten Bildungsanbieter des Landes haben diesen Trend früh aufgegriffen. Das WIFI bietet etwa mit der Plattform ›wîse up‹ E-Learning-Module für die berufliche Bildung und kombiniert diese mit dem hauseigenen Lernmodell ›LENA‹ (Lebendiges und Nachhaltiges Lernen), das den richtigen Mix aus Online- und Präsenzphasen in den Mittelpunkt stellt. In Niederösterreich wurden 2024 allein im WIFI 653 Kurse mit Online-Anteil durchgeführt, bei insgesamt 5 052 Kursen und 291 088 abgehaltenen Trainingseinheiten (WKNÖ, 2025). Die Infrastruktur für hochwertiges Distance Learning ist also vorhanden – Personalentwickler müssen sie nur strategisch nutzen.

KI als Lerngegenstand und Lernunterstützung zugleich

Eine besondere Pointe der österreichischen Studienlage zeigt sich beim Thema Künstliche Intelligenz: KI ist nicht nur das wichtigste Lernthema, sondern revolutioniert zugleich die Art, wie gelernt wird. Im Zentrum steht die Frage, wie Lernprozesse durch KI grundlegend verändert werden können – ein Thema, das HR-Verantwortliche in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen wird. Schon heute ermöglichen KI-gestützte Lernplattformen das, was bisher nur mit individueller Betreuung erreichbar war: adaptive Lernpfade, die sich automatisch an Wissensstand und Lerntempo der Nutzer anpassen, intelligente Tutoren, die rund um die Uhr Fragen beantworten, und automatisierte Lernfortschrittsanalysen, die Personalentwicklern fundierte Einblicke in den Qualifizierungsstand der Belegschaft geben. Der Branchencheck Distance-Learning 2025 des Bundesverbandes der Fernstudienanbieter zeigt, dass zwei Drittel der Anbieter im deutschsprachigen Raum bereits KI-Tools in Verwaltung, Marketing, Lehre oder Produktentwicklung nutzen (Bundesverband der Fernstudienanbieter, 2025).

Allerdings mahnt die österreichische Praxis zur Sorgfalt. Eine Untersuchung von Elke Gruber und Christina Schmieder von der Universität Graz zur Nutzung von KI in Einrichtungen der Erwachsenenbildung wies darauf hin, dass der Umgang mit KI weniger ein technisches als ein bildungspolitisches Thema sei (erwachsenenbildung.at, 2025). Wer KI-gestütztes Distance Learning einführt, muss didaktische Qualität, Datenschutz und Kompetenzaufbau gleichermaßen mitdenken. Eine Lernplattform allein macht noch keine wirksame Personalentwicklung – entscheidend bleibt die kuratierte Auswahl von Inhalten, die Begleitung der Lernenden und die Verankerung in einer aktiven Lernkultur.

Fördermöglichkeiten und Bildungskonten als Hebel

Ein für österreichische Unternehmen oft unterschätzter Aspekt sind die staatlichen Fördermöglichkeiten, die Distance-Learning-Initiativen finanziell attraktiv machen. Aktuelle Förderaktionen wie die digitalen Skills-Schecks ermöglichen eine Förderung von bis zu 5.000 Euro pro Mitarbeiter – ein wichtiger Anreiz, der gerade kleinen und mittleren Unternehmen die Türe zu hochwertigen Weiterbildungsinvestitionen öffnet (WIFI Österreich, 2024).

Die WIFI-Studie zeigt zugleich, dass in Österreich die Initiative zur Weiterbildung tendenziell vom Unternehmen ausgeht, wobei die letzte Weiterbildung durchschnittlich zu 54 % von den Arbeitgebern finanziert wurde. Ein Drittel der Beschäftigten zahlte selbst (32 %), während rund ein Achtel (13 %) staatliche Unterstützung erhielt. Eine absolute Mehrheit der Unternehmer befürwortet die Einführung eines staatlich finanzierten Bildungskontos (WIFI Österreich/IMAS International, 2024).

Was HR-Manager und Personalentwickler jetzt tun sollten

Aus der Zusammenschau der aktuellen heimischen Studien lassen sich für die österreichische HR-Praxis klare Handlungsfelder ableiten. Erstens: Distance Learning gehört in jede zukunftsfähige Weiterbildungsstrategie, aber nicht als Allheilmittel. Wer die kulturelle Präferenz der Österreicher für persönliche Begegnung ignoriert, verliert die Akzeptanz seiner Belegschaft. Die richtige Frage lautet daher nicht »online oder in Präsenz«, sondern: »Welche Inhalte eignen sich für welches Format?«

Zweitens: KI-Kompetenz ist die strategische Priorität schlechthin. Mit einem Bedeutungszuwachs von 71 % verlangt das Thema systematische, breit angelegte Qualifizierungsmaßnahmen quer durch alle Hierarchieebenen. Hier spielt Distance Learning seine größte Stärke aus, da KI-Inhalte sich rasant verändern und nur über skalierbare digitale Formate aktuell gehalten werden können. Personalentwickler sollten ein KI-Kompetenzmodell für ihr Unternehmen definieren, das vom KI-Grundverständnis aller Mitarbeitenden bis hin zu vertiefter Anwendungskompetenz für Schlüsselrollen reicht.

Drittens: Qualität und Begleitung sind entscheidender als die schiere Anzahl von Lernmodulen. Die Weiterbildungsstudien zeigen klar, dass tutoriell betreute Formate, Lerngruppen und Mentoring-Programme die Erfolgsquote von Distance Learning erheblich steigern. Wer Mitarbeitende lediglich auf eine Lernplattform schickt und ihnen die Selbstorganisation überlässt, riskiert hohe Abbruchquoten und enttäuschten Lernerfolg.

Viertens: Förderlandschaft systematisch nutzen. Die digitalen Skills Schecks, das geplante Bildungskonto und die Programme der Bundesländer sind Hebel, die Personalbudgets entlasten und gleichzeitig zeigen, dass Weiterbildung gemeinsame Verantwortung ist. HR-Abteilungen, die ihre Förderkompetenz strategisch ausbauen, schaffen sich einen klaren Vorsprung.

Und fünftens, vielleicht am wichtigsten: Distance Learning entfaltet seine Wirkung nur in einer Lernkultur, die Entwicklung als Selbstverständlichkeit begreift. Das ist weniger eine Frage von Technologie als von Haltung – auf allen Ebenen, von der Geschäftsführung bis ins Team. Die WIFI-Studien dokumentieren einen bemerkenswerten Bereitschaftsüberhang aufseiten der Beschäftigten: 89 % der österreichischen Arbeitnehmer halten sich für entsprechend geschult, und mehr als die Hälfte bewertet lebensbegleitendes Lernen als sehr wichtig (WIFI Österreich, 2023/2024). Es liegt nun an den Unternehmen, dieses Potenzial mit zeitgemäßen, hybriden Lernarchitekturen zu heben.

Fazit

Distance Learning ist auch in Österreich im Mainstream der betrieblichen Weiterbildung angekommen – aber mit einer ganz eigenen Note. Die heimischen Studien des Jahres 2024 und 2025 zeichnen ein konsistentes Bild: Österreichische Unternehmen investieren in Weiterbildung, sie setzen massiv auf KI als wichtigstes Lernthema, und sie schätzen zugleich den persönlichen Austausch im Lernprozess höher als Vergleichsmärkte. Daraus erwächst die spezifische österreichische Stärke: Blended-Learning-Konzepte, die digitale Effizienz mit persönlicher Lerngemeinschaft verbinden, und eine etablierte Bildungsinfrastruktur mit WIFI, TÜV AUSTRIA Akademie, Universitäten und Fachhochschulen, die sowohl klassische Präsenzformate als auch hochwertiges Distance Learning anbietet. Für HR-Manager und Personalentwickler liegt darin eine klare strategische Chance: Sie können mit der richtigen Mischung aus Distance Learning, Präsenz und KI-Unterstützung Weiterbildung wirksamer, individueller und zugänglicher gestalten – und damit einen entscheidenden Beitrag leisten, dass ein bildungsreiches Österreich auch ein erfolgreiches Österreich bleibt.