Scheitern als Lehrmeister

Christian Redl ist Speaker des Jahres 2026. Er überzeugte mit der Fähigkeit, Extremsituationen in greifbare Erfolgsprinzipien für Unternehmen zu übersetzen.

Sie kommen aus dem Extremsport. Woher kommt die Leidenschaft zum Apnoetauchen?

Christian Redl: Schon in meiner Kindheit war ich fasziniert von der Unterwasserwelt. Mit 6 Jahren war ich zum ersten Mal mit Maske, Schnorchel und Flossen im See. Ich wusste schon damals, unter Wasser gibt es viele Abenteuer zu erleben und vieles zu entdecken. Mit 10 Jahren begann ich mit dem Gerätetauchen. Zuerst wollte ich Meeresbiologe werden, anschließend Bohrinseltaucher. Mit 17 Jahren sah ich den Film »Im Rausch der Tiefe« von Luc Besson. Dieser Film weckte meine Begeisterung für das Apnoetauchen und veränderte mein Leben nachhaltig.

Was waren dabei Ihre größten Erfolge?

Mittlerweile habe ich 13 Weltrekorde im Apnoetauchen aufgestellt. Nicht jeder Versuch hat funktioniert, auch das gehört dazu. Mein Tauchgang in Nepal, auf 5.160 Metern Seehöhe, ist sicher ein Highlight. Dort kämpften wir mit extremer Höhe, Kälte und Sauerstoffmangel, noch bevor ich überhaupt ins Wasser gegangen bin. Der Körper reagiert anders auf dieser Höhe. Der Kopf auch. Rückblickend waren meine größten Erfolge nicht die Rekorde an sich, sondern das, was ich in den Momenten gelernt habe, in denen es nicht geklappt hat. Scheitern unter Extrembedingungen ist ein ehrlicher Lehrmeister.

Wie wurde daraus eine Karriere als Speaker?

Ich bin seit 2006 selbstständig, davor war ich Investmentbanker und hatte den Sport als sehr intensives Hobby betrieben. Ein Kollege motivierte mich, einen Vortrag für einen Vertrieb zu halten. Das war vor über 20 Jahren und von da an wusste ich: Ich will auf die Bühne! Was ich von Anfang an klar vor Augen hatte: Ich will keinen Applaus für Extremgeschichten, nach denen jeder begeistert nach Hause geht und am nächsten Morgen wieder genauso arbeitet wie vorher. Mein Ziel war und ist Transfer. Ich will, dass jemand nach meinem Vortrag oder Seminar versteht, wie Leistung unter Druck wirklich funktioniert und das konkret auf seinen Alltag anwenden kann. Das verlangt Substanz.

Wann haben Sie erkannt, dass Ihre Erfahrungen unter Wasser auch für Führungskräfte und Unternehmen relevant sind?

Ich bin seit 20 Jahren Unternehmer. Apnoetauchen ist kein offiziell anerkannter Sport. Ich bekomme keine Unterstützung wie sie die meisten Athleten erhalten. Ich muss alles selbst planen, Sponsoren finden, Expeditionen organisieren. Und dabei habe ich viel gelernt. Irgendwann habe ich gemerkt: Die Mechanismen, die unter Wasser über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, sind dieselben, die ich als Unternehmer täglich erlebe. Wie behält man unter extremem Druck einen klaren Kopf? Wie trennt man wesentliche von unwesentlichen Informationen, wenn die Zeit drängt? Wie bleibt man handlungsfähig, wenn die Situation eskaliert? Das sind keine abstrakten Führungskonzepte. Das sind Überlebensfragen – im wörtlichen und im übertragenen Sinn.

Was hat Sie gereizt, Ihre persönliche Geschichte auf die Bühne zu bringen?

Ich wollte keine Theorie liefern, sondern erlebbar machen, was es heißt, in kritischen Momenten handlungsfähig zu bleiben. Meine Geschichte ist kein Selbstzweck, sie ist das Transportmittel für eine klare Botschaft: Leistung beginnt im Kopf. Was mich an reinen Managementvorträgen immer gestört hat: Sie erklären, wie es sein sollte. Aber sie zeigen nicht, wie es sich anfühlt, wenn der Druck wirklich da ist. Wenn nicht Theorie gefragt ist, sondern Entscheidung. Jetzt, ohne Rückfrage und ohne Sicherheitsnetz. Extremsituationen machen genau das sichtbar und das lässt sich direkt auf jede Führungssituation übertragen.

Was sind heute Ihre zentralen Themen als Speaker?

Mentale Stärke, Fokus und Leistungsfähigkeit unter Druck. Wir leben in einer Zeit, in der äußere Stabilität immer weniger planbar ist. Unternehmen merken: Der entscheidende Wettbewerbsvorteil liegt nicht nur in Strategie oder Technologie, sondern in der mentalen Verfassung der Menschen. Viele Organisationen investieren massiv in Systeme, Prozesse und Tools. Aber die Menschen, die diese Systeme bedienen sollen, sind mental oft nicht in der Verfassung, ihr Potenzial abzurufen. Sie sind deshalb nicht schwach, sondern es hat ihnen nie jemand gezeigt, wie das unter echtem Druck funktioniert. Diese Lücke wird größer, denn Komplexität, Tempo, Unsicherheit sind keine vorübergehenden Phänomene. Wer nicht lernt, damit umzugehen, verliert.

Wie schaffen Sie es, dass Menschen nicht nur zuhören, sondern emotional involviert sind?

Ich konfrontiere sie mit der Realität meiner Extremsituationen und biete gleichzeitig Lösungen an. Ich wurde mit meinem Mindset nicht geboren, es ist durch meine Erfahrungen so geworden. Diese Übertragung sorgt dafür, dass Inhalte nicht nur verstanden, sondern gespürt werden. Und genau dann entsteht Veränderung. Am stärksten funktioniert das in meinen Seminaren. Dann erlebt man es selbst. Ich hatte bisher über 12.500 Teilnehmer und alle konnten ihre Zeit unter Wasser mindestens verdoppeln. Kein Einziger hat es für möglich gehalten. Das sagt alles. Wir schränken uns selbst durch Überzeugungen ein, nicht durch Grenzen.

Welche Menschen oder Erfahrungen haben Ihren Zugang zu mentaler Stärke geprägt?

Es gibt keinen mentaleren Sport als Apnoetauchen. Positive Gedanken verbrauchen weniger Sauerstoff als negative. Wer unter Wasser in Panik gerät, verkürzt seine Zeit dramatisch. Der Körper versagt an diesem Punkt nicht, aber der Kopf schlägt Alarm. Das zwingt zur Klarheit. Mein Mentor war Felix Baumgartner, ich verdanke ihm viel. Er hat mir keine Technik, sondern Haltung mitgegeben. Du musst wissen, wer du bist, wenn es darauf ankommt. Nicht wer du sein willst. Das ist ein großer Unterschied. Diese Haltung nehme ich in jedes Seminar mit. Und sie ist es, die Menschen verändern kann, wenn sie bereit sind, sich ihr zu stellen.

Wie entwickeln Sie sich als Speaker weiter – gerade nachdem Sie bereits so viel erreicht haben?

Ich arbeite kontinuierlich an meinen Inhalten, teste sie in der Praxis und schärfe meine Botschaft. Ein Vortrag wirkt im Raum. Ein Buch wirkt nach. Ein Seminar verändert praxisnah. Ich arbeite daran, alle drei Ebenen weiterzuentwickeln, weil ich glaube, dass die Botschaft so viele Menschen wie möglich erreichen sollte. Ich möchte so vielen Menschen wie möglich helfen. Was mich motiviert und weiterbringt, sind Rückmeldungen aus der Praxis. Wenn ein Teilnehmer sechs Monate später schreibt, dass sich etwas verändert hat, das ist der Maßstab. Daran orientiere ich meine Inhalte. Nicht an dem, was gut klingt, sondern an dem, was wirklich wirkt.

Sie wurden als Redner des Jahres ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen das persönlich?

Sehr viel. Ich bin seit über 20 Jahren auf der Bühne und eine Auszeichnung wie diese zeigt mir, dass der Weg, den ich gegangen bin, der richtige war. Sie zeigt mir, dass meine Themen den Nerv der Zeit treffen und dass die Jury Menschen auszeichnet, die nicht nur unterhalten, sondern etwas bewegen wollen. Das bedeutet mir viel. Gleichzeitig ist sie eine Verpflichtung: weiterhin Substanz zu liefern und Menschen nicht nur zu begeistern, sondern nachhaltig zu verändern.

Was ist Christian Redl privat für ein Mensch – fernab von Bühne und Extremsituationen?

Ich liebe die Natur und ich gehe nicht nur wegen der Rekordjagd tauchen. Die Verbundenheit mit den Lebewesen im Wasser, das ist eigentlich meine Motivation. Ich liebe es, mit Haien zu tauchen. Für mich gibt es nichts Schöneres. Was viele überrascht: Ich bin weniger Adrenalinjunkie als viele glauben. Ich suche nicht ständig den nächsten Kick. Was mich fasziniert, ist die Stille. Unter Wasser ist es still, dort ist kein Lärm, keine Ablenkung, keine Meetings oder Telefonklingeln. Da bin nur ich, mein Atem und die Tiefe. Das ist keine Flucht vor der Welt, sondern Klarheit und Fokus, beides nehme ich in meine Arbeit mit.

Danke für das Gespräch.