Das Privileg, Mensch zu sein

Je mehr die KI kann, desto schärfer zeigt sich, was uns bleibt. Eine Bestandsaufnahme für HR.

Es waren keine Anfänger. Neunzehn Endoskopiker an vier polnischen Kliniken, jeder von ihnen mit mehr als 2.000 Darmspiegelungen Erfahrung. Sie bekamen ein KI-System zur Seite gestellt, das während der Untersuchung auf verdächtige Stellen hinweist. Nach drei Monaten prüften die Forscher, wie gut die Ärzte nun ohne diese Hilfe arbeiten. Das Ergebnis erschien im Fachblatt »The Lancet Gastroenterology & Hepatology« und war unangenehm eindeutig. Vor der KI-Phase entdeckten die Ärzte in 28,4 % der Untersuchungen eine Krebsvorstufe. Danach waren es 22,4 % – ein Rückgang um ein Fünftel. Dieselben Menschen, dieselben Geräte, dieselben Patienten. Nur die Aufmerksamkeit war eine andere geworden. Die Autoren nennen es Deskilling. Man könnte auch sagen: Die Ärzte hatten sich das Hinschauen abgewöhnt.

Kognitive Schulden

Dass dieser Effekt nicht auf die Medizin beschränkt ist, legt eine Untersuchung des MIT Media Lab nahe. Probanden schrieben Aufsätze – die einen mit ChatGPT, die anderen mit einer Suchmaschine, die dritten ohne alles. Die KI-Gruppe zeigte im EEG die schwächste neuronale Vernetzung, konnte ihre eigenen Texte hinterher am schlechtesten wiedergeben und empfand sie kaum als eigene Leistung. Cognitive Debt nennen die Forscher das: kognitive Schulden. Man leiht sich Denkleistung und merkt erst später, dass Zinsen anfallen. Für Personalentwickler ist das die vielleicht wichtigste Studie des Jahres – denn sie beschreibt exakt die Nebenwirkung jener Werkzeuge, die wir gerade flächendeckend einführen.

Was die Maschine wirklich kann

Wer daraus Technikskepsis ableitet, macht es sich zu leicht. Der Chemie-Nobelpreis 2024 ging an die Köpfe hinter AlphaFold, einem Programm, das die Struktur von rund 200 Millionen Proteinen vorhergesagt hat – eine Aufgabe, an der die Biologie ein halbes Jahrhundert gescheitert war. Das Forschungsinstitut METR misst, wie lange eine KI eigenständig arbeitet, bevor ein Mensch eingreifen muss. 2019 waren es Sekunden. Heute sind es viele Stunden, und die Spanne verdoppelt sich etwa alle sieben Monate. Rund eine Milliarde Menschen nutzen monatlich ChatGPT; in Österreich setzt laut Statistik Austria ein Drittel der Unternehmen KI ein.

Und trotzdem

Dieselbe Technologie scheitert an einem Kiosk. Anthropic ließ sein Modell im Versuch »Project Vend« einen Büroladen führen. Die KI orderte auf eine Scherzbitte hin Wolframwürfel, verteilte Rabatte an alle, die danach fragten – und schlug 100 Dollar für ein Sechserpack Limonade im Wert von 15 Dollar aus.

Air Canada musste 650,88 Dollar zahlen, weil der eigene Chatbot einem Trauergast einen Rabatt zusagte, den es nie gegeben hat. Die Verteidigung, der Bot sei eine eigenständige Rechtsperson, überzeugte den Richter nicht.

Solche Geschichten sind unterhaltsam, aber die Pointe liegt tiefer. Den Kiosk zu führen war der Maschine nicht zu schwer. Er war ihr gleichgültig.

Was plötzlich knapp wird

Während die Systeme mehr können, passiert im Markt etwas Gegenläufiges. Eine Untersuchung der Columbia Business School zeigt: Sobald Betrachter erfahren, dass ein Werk von einer KI stammt, sinkt ihre Zahlungsbereitschaft um bis zu 62 %. Am Bild ändert sich nichts. Nur die Frage, ob jemand dahintersteht.

Dasselbe Muster überall. Musik ist im Überfluss verfügbar – und ausgerechnet Vinyl und Livekonzerte erreichen Rekordwerte. Für den London-Marathon bewarben sich zuletzt über 1,1 Millionen Menschen, obwohl jedes Auto schneller am Ziel wäre. Und Schach, 1997 nach Kasparows Niederlage für tot erklärt, hat mehr Spieler als je zuvor. Zugesehen wird nur Menschen. Niemand schaut ein Schachspiel zwischen zwei Maschinen. Der Soziologe Hartmut Rosa hat dafür einen Begriff: Verfügbarkeit. Was jederzeit auf Knopfdruck bereitsteht, verliert seine Resonanz. Wertvoll bleibt das Unverfügbare.

Nicht das Können zählt

An dieser Stelle wäre es bequem zu behaupten, Maschinen seien eben nicht kreativ. Nur stimmt das nicht. AlphaGos berühmter 37. Zug im Match gegen Lee Sedol war ein Zug, den kein menschlicher Profi gespielt hätte – und er war brillant.

Der Unterschied liegt woanders. Ein Modell hat unendlich viele Versuche und keinen einzigen, der zählt. Es kann nicht scheitern, nicht altern, nichts verlieren. Nassim Taleb hat den Gedanken zugespitzt: Man nehme keinen Rat von jemandem an, der nichts zu verlieren hat. Das Privileg des Menschen liegt nicht im Können. Es liegt darin, betroffen sein zu können.

Was das für die Personalarbeit heißt

Aus dieser Diagnose folgen drei sehr praktische Konsequenzen.

  • Delegieren Sie bewusst, nicht schleichend. Für jeden Prozess, den eine KI übernimmt, gehört festgehalten, welche Fähigkeit dahinter erhalten bleiben muss – und wie sie weiter geübt wird.
  • Planen Sie Trainingsphasen ohne Werkzeug ein. Wer Urteilskraft behalten will, muss sie gelegentlich ohne Assistenz beanspruchen. Das gilt für Endoskopiker so wie für Führungskräfte.
  • Schützen Sie das Unverfügbare. Präsenz, gemeinsames Ringen um eine Entscheidung, echte Begegnung – das ist kein Nostalgieprogramm, sondern genau der Teil, der gerade knapp wird.

Die polnischen Ärzte haben ihre Fähigkeit übrigens nicht verloren. Sie war eingerostet, nicht verschwunden. Das ist die eigentlich gute Nachricht – und zugleich der Auftrag: Was nicht geübt wird, verkümmert. Wer heute Weiterbildung plant, entscheidet mit, welche Seite in zehn Jahren noch trainiert ist.

Als Keynote buchbar

»Das Privileg, Mensch zu sein« gibt es als Keynote – für Tagungen, Führungskräfte-Events und Kongresse, wahlweise als 30- oder 60-Minuten-Fassung.
www.christophwirl.com