Human first – AI enabled

Johanna Glechner entwickelt KI-Lösungen für die Führungskräfteentwicklung. Ein Gespräch über Haltung und den Mut, klein anzufangen.

Johanna Glechner arbeitet an der Stelle, an der zwei Welten aufeinandertreffen, die einander lange fremd geblieben sind: Technologie und Führung. Ihr fachlicher Ursprung liegt in der Wirtschaftsinformatik, ihr beruflicher Weg führte über Organisationsentwicklung, Recruiting und Personalentwicklung in die Führungskräfteentwicklung. Heute verantwortet sie den Bereich Artificial Intelligence Solutions und beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Künstliche Intelligenz sinnvoll in Leadership-Programme integrieren lässt.

Das Thema hat es eilig. Während in vielen Unternehmen noch über einzelne Werkzeuge diskutiert wird, hat sich die eigentliche Frage längst verschoben: nicht mehr, welche Software man einkauft, sondern was Führungskräfte künftig überhaupt können müssen. Das Weltwirtschaftsforum weist in seinem Future of Jobs Report 2025 aus, dass Leadership und soziale Einflussfähigkeit am stärksten an Bedeutung gewonnen haben, um 22 Prozentpunkte – ausgerechnet jetzt, wo Maschinen so viele Aufgaben übernehmen wie nie zuvor.

Sie kommen aus der Wirtschaftsinformatik und sind heute in der Führungskräfteentwicklung tätig. Wie kam es dazu?

Johanna Glechner: Gestartet bin ich in der Organisationsentwicklung, wo ich Unternehmensprozesse analysiert, weiterentwickelt und in Richtung Automatisierung übersetzt habe. Dabei wurde mir schnell klar: Technologie und Prozesse sind spannend, aber der entscheidende Faktor in jeder Transformation ist der Mensch. So führte mich mein Weg ins HR und von dort in die Führungskräfteentwicklung. Mein technologischer Hintergrund ist dabei nie verschwunden – wenn es um HR-Software, Automatisierung oder digitale Lösungen ging, landeten diese Themen fast automatisch bei mir. KI war deshalb die logische Weiterentwicklung. Seitdem beschäftigt mich eine zentrale Frage: Wie können wir KI nutzen, um Führung nicht nur effizienter, sondern wirksamer zu machen?

Was ist Ihr Kernprinzip, wenn Sie über KI und Führung sprechen?

Mein Kernprinzip lautet: Human first. AI enabled. Ich halte wenig von den Extremen der aktuellen KI-Diskussion. Weder sollten wir KI romantisieren, noch glaube ich, dass Technologie den Menschen in absehbarer Zeit flächendeckend ersetzen wird. Wovon ich überzeugt bin: Menschen, die kompetent mit KI arbeiten können und wollen, werden einen deutlichen Vorteil gegenüber jenen haben, die sich ihr verschließen. KI macht Wissen schneller verfügbar, vereinfacht Analysen und automatisiert operative Tätigkeiten. Genau dadurch steigt der Wert menschlicher Fähigkeiten wie Urteilsvermögen, Verantwortung, Empathie, Vertrauen und echte Verbindung. Je leistungsfähiger unsere Technologie wird, desto wichtiger wird unsere Fähigkeit, menschlich zu führen.

Wie sieht Ihre Arbeit mit KI konkret aus?

Ich beschäftige mich mit der Entwicklung und Integration von KI-Lösungen für Leadership Development. Das reicht von AI Roleplays über AI Learning Coaches bis zu Formaten, in denen Führungskräfte lernen, KI sinnvoll in ihre Führungsarbeit zu integrieren. Dabei arbeite ich als Consultant an der strategischen Konzeption, als Trainerin an der Vermittlung und gleichzeitig hands-on an konkreten Anwendungen. Das Hands-on ist mir besonders wichtig. Ich möchte nicht nur über KI sprechen, ich möchte selbst ausprobieren, entwickeln und verstehen, was funktioniert und was nicht. Wenn ich über KI spreche, möchte ich wissen, wie sie funktioniert, wo ihre Grenzen liegen und unter welchen Bedingungen sie tatsächlich Mehrwert schafft. Diese Verbindung aus technologischem Verständnis, Leadership-Expertise und praktischer Umsetzung ist der Kern meiner Arbeit.

Was ist ein AI Roleplay im Kern – für jemanden, der das Konzept nicht kennt?

Ein AI Roleplay ist ein digitaler Trainingspartner für reale Gesprächssituationen. Bei einem schwierigen Feedbackgespräch übernimmt die KI beispielsweise die Rolle eines Mitarbeiters, und die Führungskraft führt das Gespräch. Sie kann Fragen stellen, auf Widerstand reagieren und unterschiedliche Strategien ausprobieren. Der Vorteil liegt im geschützten Trainingsraum: Situationen können mehrfach trainiert und verschiedene Vorgehensweisen getestet werden. Besonders wirksam wird das, wenn Szenario und Sprache an den jeweiligen Unternehmenskontext angepasst sind. Die KI liefert anschließend ein qualitatives und quantitatives Feedback.

Wie läuft ein solches Projekt beim Kunden ab?

Wir starten mit einem strukturierten Kick-off und definieren Use Case, Zielgruppe, Unternehmenskontext und die gewünschten Lernziele. Daraus entwickeln wir einen ersten Prototypen und gehen schnell ins Testen. In iterativen Feedbackschleifen arbeiten wir gemeinsam mit dem Kunden an Szenario, Rollenlogik, Reaktionen und Sprache der KI. Entscheidend ist, dass die Teilnehmenden das Gefühl haben: »Ja, genau so könnte dieses Gespräch bei uns stattfinden.« Nach der Qualitätssicherung folgt der Rollout, häufig in Kombination mit einem Live-Training. So wird aus einem KI-Werkzeug eine skalierbare, integrierte Lernlösung.

Wie integrieren Sie KI in bestehende Leadership-Programme?

KI-Integration beginnt für mich nicht beim Werkzeug, sondern bei dem Problem, das wir lösen wollen. Je nach Bedarf können AI Roleplays den Transfer in den Führungsalltag unterstützen, AI Learning Coaches die Teilnehmenden über eine Learning Journey begleiten oder Knowledge Bots das Trainingswissen verfügbar machen. Parallel geht es um AI Literacy für Führungskräfte. In unseren Formaten zu »Leading with AI« arbeiten wir beispielsweise mit dem AI Change Cycle, mit AI Transformation Maps oder einem AI Use Case Canvas. Das Ziel ist nicht, möglichst viele KI-Werkzeuge zu kennen, sondern die Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit in einer von KI geprägten Arbeitswelt zu erhöhen.

Was sind die größten Hürden, wenn Unternehmen das einführen wollen?

Viele Unternehmen schaffen es kaum, KI wirklich produktiv im Alltag einzusetzen. Die größte Herausforderung ist dabei selten die Technologie allein. Die Gründe reichen von schlechter Datenqualität und unklaren Prozessen bis zu überhöhten Erwartungen oder fehlender Akzeptanz. KI ist weder Magie noch ein reines IT-Projekt. Sie verändert Arbeitsweisen, Rollen und Entscheidungsstrukturen – damit ist AI Transformation immer auch Change Management. Menschen brauchen Kompetenz, konkrete Anwendungserfahrung und vor allem die Möglichkeit, KI selbst auszuprobieren. Denn aus meiner Erfahrung verändert sich die Haltung gegenüber KI häufig genau dann, wenn aus einem abstrakten Thema eine konkrete eigene Erfahrung wird. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Führungsebene: Führungskräfte müssen den Umgang mit KI vorleben und gleichzeitig einen verantwortungsvollen Einsatz sicherstellen.

Was raten Sie HR- und L&D-Verantwortlichen?

Bleiben Sie neugierig und warten Sie nicht, bis jemand anderes die Transformation für Sie definiert. Ich arbeite seit rund 15 Jahren im und mit dem HR-Umfeld, und Neugier war für mich immer eine der wertvollsten Kompetenzen. HR und L&D haben bei der AI Transformation eine Schlüsselrolle, denn die beste technologische Strategie bringt wenig, wenn die Mitarbeiter sie nicht verstehen und anwenden können. HR sollte deshalb nicht erst beim Roll-out eines neuen Werkzeugs ins Spiel kommen, sondern früh die Frage mitgestalten: Wie wollen wir in Zukunft arbeiten, führen und lernen? Mein Rat ist dabei sehr pragmatisch: Neues ausprobieren, Kompetenz aufbauen, klein starten – aber starten.

Wo steht KI-gestützte Führungsentwicklung in zwei bis drei Jahren?

Ich glaube, dass wir dann weniger über KI-gestützte Führungsentwicklung sprechen werden, weil KI selbstverständlicher Teil von Führung sein wird. Wir werden deutlich agentischer arbeiten, und Führungskräfte werden nicht nur Menschen führen, sondern auch AI Agents orchestrieren. Damit stellt sich auch die Frage neu, wie wir Aufgaben und Verantwortung zwischen Mensch und Technologie verteilen. Gleichzeitig rückt Führungsentwicklung näher an den Arbeitsalltag: Ein schwieriges Gespräch kann unmittelbar davor mit einem AI Coach reflektiert oder im AI Roleplay trainiert werden. Je stärker KI Teil von Führung wird, desto wichtiger werden KI-Kompetenz und ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten – ein verlässlicher regulatorischer Rahmen ist dabei unabdingbar. Eine zentrale Führungsaufgabe wird künftig sein, bewusst zu entscheiden, was wir an Technologie delegieren und was zutiefst menschlich bleiben sollte.

Danke für das Gespräch.